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„Die Tagesordnung richtet sich nicht nach Youtube, sorry“ – BVV wagt Streaming-Versuch

Veröffentlicht am 24.03.2021 von Madlen Haarbach

Vergangene Woche war es soweit, die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung war das erste Mal in ihrer Geschichte live auf Youtube zu verfolgen – inklusive der allseits bekannten Unterbrechungen. Meine Kollegin Lotte Buschenhagen hat das Experiment für Sie verfolgt, hier ihr Bericht:

Donnerstag, 18. März, 19.30 Uhr. Der Countdown im Video-Fenster der ersten Neuköllner Streaming-BVV läuft pünktlich zum Sitzungsbeginn ab. Dann springt die Anzeige um: „Live in 6 Minuten“, steht da nun. „Live in 6 Minuten“ – heißt es noch fünfzehn Minuten später. Knappe elf Jahre, nachdem die erste Forderung nach einem Sitzungsstream laut wurdeAntrag hier –, wagt die BVV Neukölln nun einen Vorstoß in die Sphären der Liveübertragung. Der Direktlink zum Youtube-Video ist am selben Tag auf den Seiten des Bezirksamts zu finden, wenn man nur ausreichend sucht: Zwei der drei angegebenen Links führen ins Leere, der dritte führt geradewegs zum Stream. Als das Videobild gegen 19.45 Uhr endlich zu ruckeln beginnt, ist der Livechat bereits aktiv. „Bis mensch Link findet, ist BVV ja bald vorbei“, schreibt ein User. Und: „Gibt’s was zu trinken?“. Ob die Kommentarfunktion absichtlich eingeschaltet oder im Aufruhr vergessen wurde, sie auszuschalten, soll sich im Laufe des Abends nicht mehr klären. Die Kommentare der 78 Zuschauenden laufen durchweg nebenher, heiter, süffisant – und anonym.

Nachdem BVV-Vorsteher Lars Oeverdieck und Bezirksbürgermeister Martin Hikel (beide SPD) all die „Gäste in der weiten Welt“ begrüßt haben, beginnt eine langwierige Debatte um die erste Causa der Sitzung: Die CDU-Fraktion wirft dem Bezirk vor, eine Stelle des Jobcenters unter der Hand besetzt zu haben. Unliebsame Kandidat:innen würden außen vor gelassen, sagt der Fraktionsvorsitzende Gerrit Kringel. Der Verordnete Bernd Szczepanski (Grüne) kontert prompt: „Dass die CDU Transparenz fordert, wundert mich schon überhaupt. Das ist ein Wortpaar, das nicht zusammenpasst.“ Der Antrag hätte zudem ans Arbeitsamt gerichtet werden müssen, nicht etwa an die BVV – dort sei die Fraktion an der falschen Adresse. Mirjam Blumenthal (SPD) ärgert sich über den Ton der CDU: „Wie können Sie sich aneignen, über die Kompetenz einer Person zu sprechen, die Sie noch nie kennengelernt haben? Das passiert vorwiegend, wenn Frauen bestimmte Stellen bekommen sollen.“ Andreas Lüdecke aus der AfD-Fraktion gibt derweil offen zu, sich nicht mit dem Antrag befasst zu haben. Die CDU verteidigt er trotzdem.

Der Stream bleibt währenddessen stabil. Selten sind Verordnete nicht zu hören, vereinzelt reden Personen durcheinander – doch die Sitzung verläuft überraschend unspektakulär, stets entlang der bekannten Linien und gewohnten Vorwürfe. Überhaupt finden die wahren Debatten in der Kommentarspalte statt: „Was labert der Opa?“, fragt da ein User. „Bestenauslese für die Redner hats auch nicht gegeben“, fügt ein anderer hinzu. „Herr Licher macht nen starken Eindruck #LicherForMayor #Hikelraus“. „Herr Morsbach kann sehr gut Dinge ablesen… Dennoch solider Auftritt: 5 von 10 Punkten.“ „Gleich kommt #LicherForMayor und zerstört alle“. Und: „Gott, das ist große Politik was da gemacht wird. Wann ist das nächste Thema dran? Komme dann wieder.“ Eine Moderation der Beiträge ist nicht zu erkennen.

Nach der Abstimmung – der CDU-Antrag wird abgelehnt – folgt ein plötzlicher Cut: Der Stream muss unterbrochen werden, die nächste Anfrage wird unter Verschwiegenheit diskutiert. 50 Zuschauende halten sich wacker. Im Chat gibt ein User Restaurant-Tipps im Kiez, ein anderer sucht Gesellschaft: „Irgendeine w um die 20 die Bock hat zu chatten“? Man verabredet sich zum Kindl am Rathaus, fordert, Termine im Bürgeramt zu verlosen. Erst nach 90 Minuten, mittlerweile ist es 22 Uhr, meldet sich Oeverdieck wieder zu Wort. Es täte ihm leid, doch die Sitzung werde nun beendet, sagt der Vorsteher. Nächste Woche soll es weitergehen. Umsonst gewartet also – der Chat ist frustriert. User-Unmut kontert der Verordnete Marko Preuß (SPD) trocken: „Die Tagesordnung richtet sich nicht nach Youtube, sorry.“