Kiezgespräch

Veröffentlicht am 12.12.2018 von Madlen Haarbach

Der Schillerkiez zählt seit einigen Jahren zu den begehrtesten Wohnlagen in Berlin. Rasant steigende Mietpreise bringen altangestammte Mieter*innen in Bedrängnis. Häuser werden luxussaniert oder in Eigentumswohnungen aufgeteilt – mit massiven Folgen auf die Bevölkerungsstruktur im Kiez. Viele müssen ihre Wohnungen verlassen, in der sie teils seit Jahrzehnten gelebt haben. Auf die verdrängten Menschen will das Künstlerkollektiv „Reflektor Neukölln“ am kommenden Samstag, 15. Dezember, mit einer Kunstaktion aufmerksam machen.

Etwa 20 lebensgroße Puppen sollen mitten im Kiez ausgesetzt werden, wie plötzlich aus ihrer Wohnung gerissen auf dem Gehweg oder neben dem Hauseingang sitzen. „Die Puppen sollen für die Menschen stehen, die mittlerweile im Kiez unsichtbar sind – weil sie verdrängt wurden“, sagt Matthias Holland-Moritz von dem Künstlerkollektiv. „Man liest ja oft etwas über die negativen Auswirkungen der Gentrifizierung, aber spürt sie vielleicht nicht selbst, weil man nicht direkt betroffen ist“, sagt Holland-Moritz.

Genau das will das Kollektiv ändern und ein „kritisches Kiezbewusstsein“ schaffen. Die Verdrängung der Menschen soll erlebbar werden.

Die weiß angestrichenen Puppen haben Utensilien dabei, die für flüchtig eingepackte Utensilien ihres Alltagslebens stehen: Eine Fernbedienung, eine Kaffeetasse, ein Stofftier. Eine Sprechblase gibt jeder Puppe eine Biographie und macht so ein konkretes Einzelschicksal erfahrbar.

Diese Schicksale sind dabei so verschieden wie der Kiez selbst: junge und alte Menschen, Frauen und Männer, mit oder ohne Migrationshintergrund. Alle eint einzig der Verlust ihrer Heimat.

Reflektor Neukölln versteht sich selbst als eine Art Zukunftslabor: Als offene Gruppe, die sich künstlerisch mit gesellschaftlich kontroversen Themen auseinandersetzen will. Im Fokus steht dabei die Wechselwirkung zwischen Ich und Gesellschaft, zwischen Individuum und Kollektiv.

Die Idee zu der Puppenaktion entstand im Sommer, berichtet Holland-Moritz. Das Thema Gentrifizierung sei im Kiez zunehmend kontrovers diskutiert worden. Als dann im September die Räumlichkeiten der Kiezkneipe „Syndikat“ nach 33 Jahren gekündigt wurden, wurden die Pläne konkret: Mitglieder des Kneipenkollektives bildeten gemeinsam mit den Künstlern die „Aktionsgruppe Puppe“, an der insgesamt rund 40 Menschen mitwirkten. Seit Oktober widmeten die Aktivisten jedes Wochenende der Konstruktion der Puppen. Am Samstag werden sie nun zwischen 8 und 16 Uhr entlang der Herrfurthstraße, zwischen Weisestraße und dem Tempelhofer Feld platziert.

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