Kiezgespräch

Veröffentlicht am 06.11.2019 von Madlen Haarbach

Mobbt der Anti-Mobbingtrainer Carsten Stahl jetzt selber? Darüber diskutierte die BVV vergangene Woche äußerst emotional. Im März hatte der Jugendhilfe-Ausschuss (JHA) mehrheitlich entschieden, eine Zusammenarbeit mit dem umstrittenen Anti-Mobbingprojekt „Camp Stahl“ abzulehnen. Die JHA-Vorsitzende Mirjam Blumenthal (SPD) brachte in der BVV gemeinsam mit den Grünen einen Antrag ein, der das Bezirksamt dazu auffordert, grundsätzlich keine Zusammenarbeit mit Carsten Stahl zu fördern oder zu unterstützen.

Vor der BVV hatte Stahl daraufhin ein Video veröffentlicht, in dem er erklärte, Strafanzeige gegen Blumenthal zu erstatten. Er wirft ihr, auf Basis eines Facebookpostes, Verleumdung, „Rufmord“ und „DDR Methoden“ vor. Blumenthal hatte dort erklärt, Stahl würde Kinder und Jugendliche mit seinen Methoden verbal und physisch erniedrigen und ihnen zum Teil Messer an den Kopf halten. Das gehe zu weit. Blumenthal wolle damit lediglich „Missstände vertuschen“ und ihre „eigene politische Macht sichern“, erklärte Stahl jetzt. In dem Video droht er ihr offen mit Worten wie „Ziehen Sie sich schonmal warm an, das wird sehr teuer.“ Und weiter: „Sie werden dafür bezahlen, dass sie sich erdreisten, über mich zu richten.“ Sie solle sich warm anziehen, denn er habe „Millionen von Followern“. Daraufhin ergoss sich über Blumenthal ein Shitstorm in den sozialen Medien, Anhänger*innen von Stahl’s Anti-Mobbingcamp beleidigen und bedrohen sie zum Teil. Zu Beginn der BVV erklärte Bezirksbürgermeister Martin Hikel diese Vorfälle für nicht hinnehmbar: Er verurteile, dass Stahl in dem Video indirekt zu Angriffen auf Blumenthal aufgerufen habe, so Hikel.

Blumenthal selbst erklärte, dass sie von vielen Trägern aus Neukölln darauf angesprochen worden sei, dass diese nicht mit Stahl zusammenarbeiten wollen. Im JHA hätten mehrere Expert*innen ausdrücklich vor Stahls Methoden gewarnt. Der zuständige Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) habe im JHA erklärt, als Stadtrat nicht an dessen Beschlüsse gebunden zu sein. Liecke unterstützt Stahl ausdrücklich. Einen Tag vor der BVV veröffentlichte Stahl ein neues Foto seiner Anti-Mobbing-Kampagne, dass Liecke als Botschafter zeigt.

Die CDU erklärte zwar, dass ihr die Angriffe auf Blumentahl leid tun würden. Gleichzeitig warf unter anderem Stadtrat Liecke den anderen Parteien aber auch „Populismus“ vor, da sie sich nicht selbst ein Bild von Stahl machen und mit ihm persönlich reden würden. „Das ist schon richtig großes Kino“, so Liecke. Der Grüne-Fraktionsvorsitzende Bernd Szczepanski erklärte daraufhin: „Nachdem ich mir drei Videos angesehen habe, muss ich sagen: Ja, Herr Stahl ist Mobbingexperte. Keiner mobbt so gut wie er. Wenn ich das sehe und das, was gerade mit der Kollegin Blumenthal passiert, dann muss ich sagen, ich kämpfe dafür, dass dieser Kerl keinen Fuß in eine Neuköllner Jugendeinrichtung oder Schule setzt.“ Gerrit Kringel, Fraktionsvorsitzender der CDU, erklärte, selbst nicht überzeugt von Stahls Methoden zu sein. Sein persönliches Empfinden spiele jedoch keine Rolle, erklärte Kringel und forderte „mehr Sachlichkeit“. Es gebe ja schließlich gar keine Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen des Bezirksamtes und Carsten Stahl, wie Liecke zuvor auf eine Anfrage Blumenthals erklärt hatte. Und wenn ein freier Träger mit Stahl zusammenarbeiten wolle, könne das Bezirksamt dies nicht verhindern.

Blumenthal warf Liecke im weiteren Verlauf vor, seinen eigenen Mitarbeiter*innen mit der Teilnahme an Stahls Kampagne „in den Rücken zu fallen“ – dies wies Liecke ausdrücklich zurück. Mehrere Verordnete, unter anderem der FDP und AfD, sprachen sich dafür aus, Stahl direkt einzuladen und zu konfrontieren. Anne Zielisch, fraktionslose Verordnete der AfD, erklärte etwa, dass sie Stahls Methoden für gefährlich halte und dass diese den Menschen schaden würden. Andererseits würden die „aktuellen Methoden ja auch nicht funktionieren“.

Ursula Künning von den Grünen fragte, warum Liecke gerade erst von dem umstrittenen Kitaspiel „Original Play“ abgeraten habe – obwohl er mutmaßlich dessen Erfinder auch nicht persönlich getroffen habe. Sie würde Äpfel mit Birnen vergleichen, warf Liecke ihr daraufhin vor – man könne „Anti-Mobbing-Training nicht mit sexuellem Missbrauch an Kindern gleichsetzen“, so Liecke. Und weiter: „Ihnen ist ja inzwischen nix mehr heilig.“ Schulstadträtin Karin Korte (SPD) erklärte, dass auch der Bezirkselternausschuss entschieden habe, nicht mit Stahl zusammenarbeiten zu wollen.

Nach insgesamt rund eineinhalb Stunden Diskussion berief die CDU den Ältestenrat ein, der anschließend die Verordneten zur Mäßigung mahnte. Der Antrag, keine Zusammenarbeit mit Stahl im Bezirk zu fördern, wurde mit den Stimmen der SPD, Grünen und Linken angenommen.

Carsten Stahl wuchs selbst in Neukölln auf und wurde laut eigener Aussage in seiner Schulzeit gemobbt. Heute ist er TV-Seriendarsteller und Kampfsportler. In seinem Projekt „Stoppt Mobbing“ will er mit Kindern und Jugendlichen über Themen wie Gewalt, Diskriminierung und kriminelles Verhalten sprechen. Kritiker*innen werfen ihm, neben Zweifeln an seiner pädagogischen Eignung, unter anderem eine fragwürdige Einmischung in die Aufarbeitung des tragischen Todes einer Schülerin an einer Reinickendorfer Grundschule vor (rbb24.de/tagesspiegel.de). Nach der BVV veröffentlichte er ein weiteres Video, in dem er die Diskussion dort als „Farce des Jahrhunderts“ bezeichnet. Blumenthal würde sich als „Opfer“ darstellen, dabei sei sie – aus Sicht von Stahl – „Täter“, da sie ihn „in den Dreck ziehen“ wolle. Außerdem wolle sie Stahl lediglich verurteilen, um Jugendstadtrat Falko Liecke zu schaden. Parallel betont Stahl mehrfach, er würde „niemanden durch den Dreck ziehen“ – was zumindest angesichts der Unterstellungen gegenüber Mirjam Blumenthal in Frage gestellt werden kann. – Text: Madlen Haarbach

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