Kiezgespräch

Veröffentlicht am 29.04.2020 von Nina Dworschak

Neukölln vor 75 Jahren: Was geschah in den letzten Tagen vor dem Kriegsende am 8. Mai 1945? Historiker Florian Wittig und Neukölln-Stadtführer Reinhold Steinle rekonstruieren, was damals im Bezirk geschehen ist. Damals, vor 75 Jahren:

24. April, 1945: Das kirchliche Zwangsarbeiterlager auf dem Friedhof St. Thomas wird befreit. Von 1942 bis 1945 wurden hier über 100 russische und ukrainische Zwangsarbeiter in einem Lager der Kirche eingesperrt. Unter lebensunwürdigen Zuständen wurden die Männer auf dem Friedhof als Totengräber eingesetzt. Im seinem Lagertagebuch hält Zwangsarbeiter Wasyl Timofejewitsch Kudrenko folgendes fest: „Es lebe die Große Rote Armee, unsere Befreiungsarmee! Dieser Tag ist der glücklichste Tag, so kann man sagen, in meinem jungen Leben.“ Der heutige Glaspavillon am Friedhof erinnert an die ehemaligen Zwangsarbeiter und porträtiert ihr Leben nach der Befreiung. Nun soll dort laut Pfarrerin Marion Gardei von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz eine Gedenkstätte entstehen, die über kirchliche Zwangsarbeit in der Nazi-Zeit informiert. Mehr zu den Schicksalen finden Sie hier.

25. April 1945:  SS-Truppen sprengen Karstadt am Hermannplatz. Mit der Zerstörung des Kaufhauses will die SS erreichen, dass die dort gesammelten Vorräte nicht der herannahenden Roten Armee in die Hände fallen. Bei der Explosion starben viele Nachbarn, weil sie auf der Suche nach Lebensmitteln im Kaufhaus waren. twitter.de

An diesem Tag erreicht die Rote Armee Neukölln. Der Kampf um den Bezirk wird drei Tage dauern. berliner-woche.de

26. April 1945: Schwere Kämpfe ereigneten sich rund um den Tempelhofer Flughafen. Wie der Historiker Jesse Alexander von Real Time History (RTH) erklärt, bedrohte damals der sowjetische Vormarsch die Verteidigung im Osten der Stadt. Der deutsche General Helmuth Weidling befahl deshalb den  Gegenangriff. Auch der russische General Wassili Tschuikow zögerte nicht und rückte mit seiner Armee über Neukölln vor. Sein ultimatives Ziel: Reichstag und Führerbunker. „Am Ende des 26. April war Neukölln nach intensiven Hin- und Herkämpfen ein Meer von Ruinen“, erklärt der Historiker. Die sowjetische Armee hatte Vorteile bei Kämpfern und Waffen.

Die Deutschen hätten sich in dieser Nacht über den Landwehrkanal zurückgezogen – eine der letzten großen Verteidigungslinien der Stadt. „Neukölln war ein brennendes Ödland“, schreibt Aaron Stephan Hamilton in seinem Buch „Bloody Streets: The Soviet Assault on Berlin, April 1945“.

Währenddessen lehnte der damalige Bürgermeister des Bezirkes, Kurt Samson, es ab, das Rathaus mit Waffengewalt zu verteidigen. Schon am 15. März 1945 wurde es von einer Sprengbombe getroffen. Der Bürgermeister und seine Beamten zogen deshalb in die Räume des heutigen Albert-Schweitzer-Gymnasiums. Im Rathaus verschanzten sich derweil Einheiten der SS und der Hitlerjugend. Aus dem Rathaus griffen sie die sowjetischen Truppen an. In den letzten Kriegstagen, Ende April 1945, brannte das Gebäude nieder. (Quelle: Cornelia Hüge: Das Rathaus Neukölln nach dem Zweiten Weltkrieg).

Der spätere Bürgermeister Martin Ohm schreibt: „Die Mehrheit der Neuköllner war seit Tagen kaum mehr aus den Luftschutzkellern herausgekommen.“

28. April 1945: Der Widerstand der Waffen-SS und des Volkssturms bricht zusammen. Neukölln ist in den Händen der Roten Armee und damit vom Nationalsozialismus befreit. (Quelle: Frank-Ulrich Reisser: Die Stunde Null)

 

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