Kiezgespräch

Veröffentlicht am 21.10.2020 von Madlen Haarbach

Der norwegische Abenteurer und Milliardär Ivar Tollefsen investiert seit einiger Zeit – womöglich um seine nächste Antarktisexpedition zu finanzieren, wer weiß das schon – in Immobilien. Auf seiner Shoppingtour auf dem Berliner Wohnungsmarkt (insgesamt rund 6000 Wohnungen) kaufte er über sein Unternehmen Heimstaden, wie berichtet, auch 28 Häuser in Neuköllner Milieuschutzgebieten.

Für die Mieter*innen des Hauses in der Friedelstraße 27 gibt es erst einmal gute Nachrichten: In einem „Fotofinish“ übte Bezirksstadtrat Jochen Biedermann gestern gegen 16 Uhr kurz vor knapp das Vorkaufsrecht zu Gunsten der Wohnungsbaugenossenschaft „Am Ostseeplatz“ aus. Jetzt läuft die vierwöchige Widerspruchsfrist des Käufers.

Im Fall der 27 weiteren Häuser handelt es sich um Objekte, die zuvor der GMRE gehörten und damit wohl von einer für ihren Umgang mit den Mieter*innen berüchtigten Investorin zur nächsten wechseln. Die GMRE ist – als ehemalige Bewohnerin eines der 27 betroffenen Häuser spricht auch die Autorin aus Erfahrung – seit langem berüchtigt für exorbitante Staffelmieten, verschleppte Reparaturen und Sanierungen, Knebelverträge und alle möglichen anderen dubiosen Geschäftspraktiken. Auch Biedermann sieht die Ausgangslange im Fall der 27 Häuser (von denen viele rund um den Wildenbruchplatz liegen) als eine „etwas andere“ als etwa im Falle eines Privatverkäufers. „Das ist jetzt keine neue Stufe im Ausverkauf der Stadt“, sagte Biedermann – denn davon seien die Häuser längst betroffen gewesen. Für das Vorkaufsrecht in möglichst vielen Fällen will er sich trotzdem mit allen Mitteln einsetzen und führt dazu laut eigener Aussage bereits verschiedene Gespräche mit möglichen Drittkäufern und der Senatsverwaltung. Ob ausgeübt werden könne, hänge aber letztlich zu einem großen Teil an der Finanzierung.

Ob Heimstaden wirklich besser ist als die GMRE, ist allerdings unklar. Biedermann zweifelt zumindest an den nachhaltigen Absichten der Investoren – „sonst würden die einfach die Abwendungsvereinbarungen unterzeichnen“. Darauf gebe es bei Heimstaden allerdings bislang keine Anzeichen, was vor allem auch an den „unterschiedlichen Auffassungen bezüglich des Umwandlungsverbotes“ liege, sagt Biedermann. Das heißt: Neukölln besteht in den Abwendungsvereinbarungen darauf, dass die Wohnungen frühestens 20 Jahre nach Verkauf – oder nach Auslaufen des Milieuschutzes – in Eigentumswohnungen umgewandelt werden dürfen. „Das ist für uns die rote Linie, da lassen wir uns auch nicht runterhandeln“, sagt Biedermann. Heimstaden hat offenbar andere Pläne, Mieter*innen könnte nach der Umwandlung die Eigenbedarfskündigung drohen.

Viele Hausgemeinschaften sind Teil des Bündnisses „Stop Heimstaden“, das sich am heutigen Mittwoch bei einem Online-Vernetzungstreffen konstituieren will. Einige nahmen unter anderem an einem „internationalen Aktionstag“ teil. Mehr Infos zu allen in Neukölln betroffenen Häusern und den Protestaktionen gegen Heimstaden gibt es hier.