Nachbarschaft

Veröffentlicht am 21.03.2018 von Madlen Haarbach

Vor drei Jahren ist Amira Jehia aus ihrem Heimatkiez Prenzlauer Berg nach Neukölln „geflüchtet“, wie sie selbst sagt: „Es hat sich einfach zu sehr verändert dort!“ Jetzt lebt sie im Reuterkiez. Dort sieht sie zwar ähnliche Entwicklungen, wie vor fünf Jahren im Prenzlauer Berg, doch sie hat sich trotzdem recht gut eingelebt. Besonders die hohe Dichte an „Eco Mode Labels“ in der Gegend inspiriert sie häufiger zu einem halb-geschäftlichen Bummel, denn Amira hat zusammen mit ihrem Partner Ali Azimi die Modemarke „BlueBen“ gegründet, die erste Modemarke, die Wasser spart und gleichzeitig gibt.

Es sei eine Katastrophe, wie viel Wasser bei der Herstellung konventioneller Kleidung verschwendet werde, meint sie. Sie und Ali fahren deshalb einen radikalen Ansatz: Sie verzichten komplett auf Baumwolle. Bei der Produktion eines Baumwoll-T-Shirts werden bis zu 2.700 Liter Wasser verbraucht, davon fließt ein nicht unerheblicher Teil verschmutzt ins Grundwasser der Produktionsregionen zurück. Kläranlagen zur Wasseraufbereitung gibt es dort keine oder wenige. „Das Wasser wird den Menschen vor Ort einfach genommen, dann kommt auch noch der Klimawandel dazu. Das ist ein extremer Teufelskreis, durch den Millionen Menschen notleiden“, sagt Amira.

Deshalb entwickeln sie gerade ihren eigenen Stoff, der aus Hanf, Leinen und Modal, einer Faser aus Buchenrinde, gesponnen wird. Gewonnen und produziert wird der Stoff in Europa. Dass unser Konsum zu Lasten der Menschen und der Umwelt in Asien, Südafrika und Lateinamerika geht, wollen Amira und Ali nicht verantworten. „Zusätzlich leisten wir Reparationszahlungen, indem pro verkauftem Kleidungsstück zehn Prozent des Gewinns an eine lokale NGO gehen, die Wasserwerke zur Trink- und Abwasseraufbereitung aufbaut“, sagt Amira. Bei ihrem erstem Produkt, dem „Blue Sweater“, geht der Erlös an ein Wasserprojekt in Bangladesch, das Ali letzten September selbst besucht hat.

Kreiert hat den Sweater ein Designer von Adidas. Ziel ist, einen ganzen Kleiderschrank voll Basics zu entwerfen. „Unsere Kleidung ist keine typische ‚Equal Fashion'“, sagt Amira. Auf dieses Siegel verzichten die beiden Modemacher*innen bewusst: „Man sollte kein Siegel brauchen. Das, was wir machen, sollte Standard sein.“ Dass es den Markt weltweit nicht verändern werde, wisse Amira, doch es sei ein erster, nötiger Schritt, der aber nicht der letzte bleiben dürfe.

Noch ist „BlueBen“ auf eine Crowdfunding-Kampagne  zur Finanzierung der Pulloverproduktion angewiesen. Wenn alles nach Plan läuft, soll es den Sweater ab September 2018 im Online-Shop von BlueBen zu kaufen geben.
Warum Amira und Ali auch eine NGO gegründet haben und wie ihre Reise mit BlueBen weitergeht, hat meine Kollegin Maria Kotsev für die Berliner Wirtschaft aufgeschrieben: Heute im gedruckten Tagesspiegel und im E-Paper.

Foto: Nona Isabella Schmidt

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.

Anzeige