Nachbarschaft

Veröffentlicht am 28.03.2018 von Madlen Haarbach

Ernst Rommeney aus Rudow hat in den vergangenen anderthalb Jahren einen unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten als ehrenamtlicher Vormund der Caritas begleitet. Hier berichtet er von seinen Erfahrungen:

„Es dauert neun Monate, sich auf ein Kind vorzubereiten – egal ob auf ein eigenes oder ein fremdes. An diese Faustregel einer Mitarbeiterin der Caritas-Adoptionsvermittlung in Berlin erinnerte ich mich, als ich Jahre später mit wachsender Ungeduld darauf wartete, Vormund werden zu dürfen. Dass es tatsächlich neun Monate werden würden, bevor ich „meinen“ 16-jährigen Jugendlichen aus Kabul/Afghanistan kennenlernte, war wohl eher zufällig, nicht aber die Wartezeit an sich. Sie diente der Ausbildung. Denn Vormundschaft, beispielsweise für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, ist ein „qualifiziertes Ehrenamt“ und ein starkes dazu. Schließlich überträgt das Familiengericht die volle elterliche Sorge.

Also stehen vorab Rechte und Pflichten des Vormunds wie des Mündels, Jugendhilfe, Asylverfahren, aber auch interkulturelle Kommunikation und psychische Belastungen aus Gewalterlebnissen als Themen im Vortrags- und Seminarprogramm des „Caritas Betreuungs- und Vormundschaftsvereins“. Anschließend folgen dicke Informationspakete per Mail mit Artikeln, Flyern und Adresslisten. Besonders demütig machte mich der beeindruckende Erfahrungsaustausch mit anderen Vormündern (Supervision) – und das Einkaufen mit ungewohnt kleinem Budget.

Mittlerweile sind anderthalb Jahre vergangen. Aus dem Jugendlichen ist ein 18-Jähriger geworden und ich gebe meine Bestallungsurkunde zurück. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht: in Geschäften und Museen, auf Ämtern und in Schulen, bei Beratungsstellen und Ärzten, sogar im Krankenhaus. Gemeinsam lernten wir Deutsch, verfassten Lebensläufe und schrieben die Fluchtgeschichte auf, erlebten eine stundenlange Anhörung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, nahmen Abschied vom Wunsch der Familienzusammenführung, suchten nach Freizeitangeboten, planten die Ausbildung, eröffneten das erste Bankkonto und stimmten uns mit den Betreuern ab.

An einem Oberstufenzentrum hat er die erweiterte Berufsbildungsreife erworben und strebt nun die Mittlere Reife an. Er übt in der Musikschule Querflöte und ein Theaterstück im Jugendclub der Deutschen Staatsoper. Er spielt im Verein Fußball und hat sich im Evangelischen Kirchenkreis zu einem Jugendleiterseminar angemeldet. Wir hatten Glück: Viele, die uns begegnet sind, haben ihm geholfen. Schon lange wohnt er in einer betreuten Wohngemeinschaft. Sie soll für ein selbstverantwortetes Leben trainieren. Das Jugendamt kann und wird ihn auch als Volljährigen dabei pädagogisch und finanziell fördern. Denn noch ist das Asylverfahren nicht abgeschlossen, der Berufsweg nicht gesichert. Sich ohne Familie in der Fremde zu behaupten, sich umsichtig auf eine ungewisse Zukunft einzustellen, dürfte nicht einfach bleiben. Auch wenn sich junge Leute gern nach außen hin stark und selbstständig geben.

Nachträglich bin ich froh, viel Zeit gehabt zu haben, sowohl Neues zu lernen, als auch nicht mehr hetzen zu müssen – nicht wie früher, als es zwischen Arbeitsplatz und Familie hin und her ging. Allerdings: Auf meinen nächsten Jugendlichen muss ich keine neun Monate mehr warten.“

Bild: Bettina Straub

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.

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