Nachbarschaft

Veröffentlicht am 02.05.2018 von Madlen Haarbach

Maurus Knowles, 50, Inhaber der Bar und Kunstgalerie „Ludwig“ in der Anzengruberstraße 3.

Knowles ist gelernter Buchhändler und war lange als Buchhalter im Bereich Medien/Kultur tätig, bis er vor zwei Jahren beschloss: Das geht so nicht weiter. Der Zufall wollte, dass gerade in der Anzengruberstraße, in der er seit 2010 lebt, ein Lokal frei geworden war. Knowles und sein damaliger Lebenspartner ergriffen die Gelegenheit und wurden zu Bareigentümern. „Wir waren schon länger auf der Suche nach einem Ort für unsere Kunst“, sagt Knowles, „aber man kann einen solchen Ort nicht suchen, nur finden.“

Das Lokal in der Anzengruberstraße 3 schaut auf eine lange (feucht-fröhliche) Geschichte zurück, seit 1909 wechselten sich hier verschiedene Kneipen ab. Zuletzt befand sich dort eine Berliner Eckkneipe vom alten Schlag, der „Anzengruber“. Einen Teil vom alten Charme wollte Knowles erhalten, aber gleichzeitig etwas Neues schaffen: „Ich sehe mich da schon ein Stückchen in der Traditionspflege des Lokales“, sagt Knowles. Teile der alten Wandgestaltung wurden restauriert und in das neue Konzept eingebunden.

Das „Ludwig“ will Nachbarschaftskneipe sein, aber auch Veranstaltungsort und Kunstgalerie. Auch wenn das Publikum oft queer ist, legt Knowles wert darauf, dass die Kneipe keine spezifisch queere, sondern offen für alle ist. Das Stichwort lautet Vielfalt, auch in der Kunst: „Die Ausstellungen und Veranstaltungen sollen die Vielfalt der Kreativen in Neukölln und Berlin widerspiegeln“, sagt Knowles. Das Programm reicht von Lesungen über Filmvorführungen bis hin zu Dragshows und Performanceart.

Der Kiez rund herum ist sehr durchmischt, vom Bioladen bis zum arabischen Sanitätshaus treffen in der Anzengruberstraße unzählige Extreme aufeinander. Gerade das sei das Spannende an einem Kiez, der sich gerade erst im Umbruch befinde, sagt Knowles. Aktuell stünden in der Umgebung noch viele Lokale leer. Gerade die Vielfalt ermögliche aber auch eine gute Nachbarschaft: „In Neukölln treffen so viele Extreme aufeinander, das funktioniert nur mit gegenseitiger Toleranz – und dadurch, dass alle auch mal wegschauen“, sagt Knowles.

Dass das mit der Toleranz jedoch nicht immer funktioniert, zeigen rechtsmotivierte, antisemitische oder homo- bzw. transphobe Angriffe.

Knowles sieht sich daher auch politisch in der Verantwortung:
Einerseits unterstützt er das Bündnis Neukölln, nimmt unter anderem am Festival Offenes Neukölln teil. Vor allem aber will er auch die queere Community unterstützen. Zuletzt hätten sich gefühlt die Angriffe auf Homosexuelle im Bezirk gehäuft, erzählt er. Am 26. Mai ruft Knowles daher gemeinsam mit Prominenten zur Wiederbelebung einer Tradition auf: Dem Neuköllner Tuntenspaziergang unter dem Motto „Wir sind queer, wir sind hier!“ (queer.de). Dabei geht es vor allem darum, Sichtbarkeit zu schaffen und damit für Toleranz zu sorgen.

Foto: Johanna Jackie Bayer

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.

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