Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.06.2018 von Judith Langowski

Cristal Jane Peck, Brauerin bei Berliner Berg.

Berliner Berg, die Craftbrauerei an der Kopfstraße im Rollbergkiez, hat gerade ihr neuestes Bier herausgegeben, das es in dunkelgrünen Flaschen sogar in Spätis zu kaufen geben soll. Berliner Weiße. Ohne Schuss. Sauer wie Limonade, ohne Zucker. Das soll schmecken?

In ihrem charmanten australischen Akzent schwärmt Cristal Jane Peck von sauren Bieren, die in verschiedenen europäischen Braukulturen Tradition haben. Berliner Weiße, belgische Gueze und Lambic. Hier und da bricht im Interview ein deutsches Wort durch: Champagnerflasche, zum Beispiel. Saures Bier schmeckt tatsächlich eher nach Sekt denn nach Bier und wird oft in solchen Flaschen verkauft.

Wie wird Bier sauer? Wichtig für den Brauprozess sind wilde Hefen – und wenig bis kein Zusatz von Hopfen. Traditionell waren die Hefen wirklich „wild“, heute werden sie im Labor hergestellt, die wir dann einkaufen. Wir arbeiten aber selber laboratorisch: Mit diesem Mikroskop können wir den Gärungsprozess überprüfen. Ich habe als Biologin zehn Jahre mikroskopiert, das ist für mich nichts Neues. In dieser Brauerei können wir wild rumexperimentieren, das ist sehr besonders. Aber das Chaos muss kontrolliert werden.

Wie bist du zum Sauerbier gekommen? Bis es schloss, arbeitete ich im „Bierlieb“ einem Fachgeschäft für Craftbier und Hobbybrauer. Dort begann ich mit sauren Bieren zu experimentieren. Als ich vor fünf Jahren in Berlin ankam, bestellte ich meine erste Berliner Weiße im Biergarten. Der Kellner fragte mich, ob ich Waldmeister oder Himbeere möchte. „Ohne, also normal“, antwortete ich. Er schaute mich an: „Nein, nein – das geht gar nicht!“ Ich war verdutzt: Meine ganzen Brauer-Freunde in Australien, begannen in dieser Zeit selber ihre ‚Weiße‘ zu brauen. Und ich saß in Berlin und konnte keine Berliner Weiße ohne Schuss trinken.

In Australien trinkt man gerne Berliner Weiße? Saure Biere sind in Australien und den USA immer beliebter. Dazu gehören Berliner Weiße, Fruchtbiere, Lambic. Die schmecken ganz anders als ein Pils oder Weißbier. Viele, die sonst kein Bier mögen, trinken diese deshalb besonders gerne. Meine Schwester liebt Flemish Red, ein rotes Sauerbier, Pils trinkt sie selten. Flemish Red schmeckt aber fast wie Champagner.

Bieten bald auch Berliner Kneipen ihr Sauerbier an? Das wird dauern. Im Rest der Welt hatte die Weiße schon ihr Comeback, aber noch nicht in Berlin. Das hängt auch mit den Produktionskosten der kleinen, experimentellen Brauereien zusammen: Hier ist Bier so billig und hat sowieso hohe Qualität, deshalb zahlen wenige Deutsche mehr für ein neues und unbekanntes Produkt. Sie haben ja schon immer ihr Lieblingspils getrunken! Bis die Sauerbierbewegung einen Einfluss auf die Bierkultur hat und sich Trinkgewohnheiten ändern, braucht es einen Generationenwechsel. Wir sehen das schon an großen Biermarken, wie Beck’s mit ihrem Pale Ale: Die wissen auch, dass sie etwas Neues anbieten müssen.

Du lebst seit 2016 in Neukölln. Was magst du hier? Ich liebe die Sonnenuntergänge auf dem Tempelhofer Feld, da bin ich fast jeden Abend. Zu Hause haben wir immer ein Fass selbst gebrautes Bier, das füllen wir dann ab und nehmen es mit. Daraus entstand die Idee für “Parasite Produktions”, eine Braumarke, die ich mit meinem Freund Richie gründete: Wir wollten brauen, was wir trinken wollen. Also experimentieren wir in verschiedenen Brauereien in Berlin und liefern die neuen Kreationen frisch und unpasteurisiert in die verschiedenen Craftbierbars.

Die Berliner Weiße ist übrigens tatsächlich auch ohne Schuss sehr trinkbar. Als wäre es gerade für die schwüle Berliner Hitze erfunden worden. Probieren!

Foto: Richard Hodges

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.

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