Nachbarschaft

Veröffentlicht am 03.10.2018 von Maria Kotsev

Von 1989 bis 1991 war er Bezirksbürgermeister in Neukölln: Frank Bielka. Ich habe mit ihm über die Wendezeit, die Wiedervereinigung und die Entwicklung Neuköllns seither gesprochen:

Wie haben Sie den Tag des Mauerfalls erlebt? Am Tag des Mauerfalls selbst war ich zur Geburtstagsfeier des Regisseurs Ulrich Schamoni eingeladen. Er feierte in den Kinderfestsälen in der Hermannstraße, die es heute gar nicht mehr gibt, eine rauschende Party. Mittendrin sickerte das Gerücht durch, dass die Mauer gefallen sei. Es ging wispernd durch die Reihen. Und da habe ich beschlossen, ich fahre zur Grenze. Erst bin ich zur Sonnenallee, da war nichts los. Dann zur Heinrich-Heine-Straße am Moritzplatz, da war auch nichts. Und dann letztendlich ging ich zum Checkpoint Charlie. Das war eine bewegende Erfahrung. Und danach begann eine aufregende Zeit.

Wie haben Sie die Zeit unmittelbar danach wahrgenommen? Es war wirklich ein Ausnahmezustand. Ich erinnere mich noch, im Rathaus Neukölln war eine Ausgabestelle des Begrüßungsgeldes. Die Leute standen da in langen Schlangen. Und Heinz Buschkowsky, damals noch Finanzstadtrat, stand unten und zeigte den Menschen, wo sie lang gehen mussten, wie ein Verkehrspolizist.

Sie und der damalige Bezirksbürgermeister von Treptow, Günter Polauke, waren mit die ersten Bezirksbürgermeister aus Ost und West, die sich getroffen haben. Als Initialzündung gilt ihr Handschlag auf der Massantebrücke, die die Ortsteile Rudow und Johannisthal verbindet, am 14. November 1989. Wie wurde das Treffen im Vorfeld vorbereitet? Wenige Tage nach dem Mauerfall ging der damalige Pressesprecher des Bezirksamts Neukölln auf mich zu und meinte: „Wir könnten doch mit Treptow auch einen Übergang eröffnen“. Also fuhr er daraufhin zum Rathaus Treptow. Eigentlich konnte man da nicht so leicht rein, doch er raste am Pförtner vorbei, fragte sich bis zum Büro des Bürgermeisters Polauke durch und setzte sich in dessen Büro, während er auf ihn wartete. Was jetzt richtig harmlos klingt, war die Verletzung aller damaligen Regeln und Konventionen. Aber das nur als Anekdote am Rande. Da beschlossen die Bezirke also die Öffnung der Massantebrücke. Das Treffen fand im November 1989 statt, im Dezember richtete das Bezirksamt Neukölln im Rathaus ein Fest für alle Ehrenamtlichen im Bezirk aus, da war auch Günter Polauke mit dabei. Und so festigten sich die Beziehungen.

Wie gingen die Beziehungen nach dem Rücktritt von Günter Polauke als Bezirksbürgermeister im Dezember 1989 weiter – ihm wurde Wahlfälschung bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 vorgeworfen? Wir haben ab März 1990 versucht, aktive Verwaltungshilfe für das Bezirksamt Treptow zu leisten. Dafür haben wir Fachleute rübergeschickt, technisches Material, wie Faxgeräte. Wir haben regelrecht unsere eigenen Bestände ausgeräumt und rübergeschickt. Und damals vermittelte ich auch eine Städtepartnerschaft zwischen Köln und Treptow zur Festigung der neuen Ost-West-Beziehungen.

Apropos Städtepartnerschaften. Sie haben sich vor dem Mauerfall auch für eine Städtepartnerschaft zwischen Neukölln und der tschechischen Stadt Ústí nad Orlicí eingesetzt. Besiegelt wurde sie am 6. November 1989. Lief die Schließung dieser Ost-West-Partnerschaft ohne Hürden? Es gab schon einige Komplikationen. Der damalige Bürgermeister von Ústí nad Orlicí musste damals beim Zentralkomitee nachfragen, die waren natürlich gegen eine Städtepartnerschaft. Ich musste bei der Senatskanzlei nachfragen, die war auch dagegen. Aber wir haben es damals einfach gemacht, ich bin nach Tschechien rübergefahren und wir gründeten die offizielle Städtepartnerschaft. Die Behörden hatten damals wichtigere Sorgen, als uns zu kontrollieren.

Zurück nach Berlin. Die Einheitsfeier vor dem Reichstagsgebäude am 3. Oktober 1990 ist mittlerweile 28 Jahre her. Wie haben Sie die Feierlichkeiten erlebt? Ich stand da als Bezirksbürgermeister von Neukölln mit den anderen Würdenträgern auf den Stufen des Reichstages und muss sagen, ich fand es eher unheimlich. Es war dunkel, nachts und vor uns brodelte die Masse. Das war sehr eindrücklich. Und ansonsten war es natürlich eine Ehre da oben zu stehen. Ich habe mich über die Wiedervereinigung gefreut. Ich gehörte zu denen, die sich freuten, dass man wieder seine Verwandten besuchen kann. Ich habe das damals als großes Glück empfunden. In der Berliner SPD war ja damals die Zwei-Staaten-Theorie en vogue. Ich fand, da wurden die Bürgerrechtsbewegungen eher ignoriert, und man fokussierte sich stark auf den Status quo. Da fühlte ich mich eher in der Opposition.

Mit welchen Problemen hatte man in Neukölln damals bezirkspolitisch zu kämpfen und wie haben die sich nach der Wiedervereinigung verändert? Ich habe mich damals noch als Jugendstadtrat für ein Konzept für neue Jugendstätten eingesetzt, auch das Thema Sport war mir immer wichtig. Im Allgemeinen kann man sagen, dass es viele Probleme, die wir jetzt haben, auch schon in den Achtzigern gab. Nordneukölln war auch vorher schon ein sozialer Brennpunkt, auch wenn nicht so sehr, wie heute. Und die prekäre Entwicklung Südneuköllns war damals auch schon absehbar. Man dachte immer, in Rudow sitzen die gutbetuchten Familien in ihren Einfamilienhäusern. Dabei waren das Leute, die sich das Haus nur mit Ach und Krach leisten konnten. Und auch damals gab es schon arabische Clans. Da hat man auch mit dem Gedanken gespielt, Kinder aus den Familien zu holen. Die Debatten kehren also wieder. Nach der Wiedervereinigung rückten die Bezirksthemen aber drastisch in den Hintergrund.

Meinen Sie, Neukölln hat unter Kürzungen von finanziellen Mitteln nach der Wiedervereinigung gelitten? Es gab natürlich eine Umschichtung der Gelder nach Ostberlin. Das war auch richtig so. Nur leider waren dann Projekte wie die Sanierung des Gemeinschaftshauses in Gropiusstadt erst mal ausgesetzt. Ich bin der Meinung, dass Neukölln schon damals im Vergleich zu anderen West-Berliner Bezirken benachteiligt war – auch unter SPD-geführten Regierungen. Da war es schon ein Schlag zu sagen, die Aufholjagd, die der Bezirk in der Zeit gut betrieben hat, ist beendet.

Wie bewerten Sie die heutige Entwicklung des Bezirks? Nehmen wir das Beispiel bezahlbaren Wohnraum. Sie waren ja nach ihrer Zeit als Bürgermeister Staatssekretär für Wohnen, danach auch für Stadtentwicklung. 2003 wechselten Sie aus der Politik in den Vorstand der Wohnungsbaugesellschaft degewo, die unter Ihrer Leitung die energetische Modernisierung ihrer Bestände vorantrieb. In der energetischen Modernisierung sehe ich auch kein Problem. Ich sehe das eher so: Damals herrschte in Neukölln eine soziale Segregation. Die Mittelschicht war aus Neukölln weggezogen, es blieb das Prekariat. Das hat den Ruf der Schulen in Neukölln bis heute geprägt. Erst als junge Leute, Studenten in den Bezirk kamen, hat sich das geändert. Diese Segregation war schon in den Achtzigern absehbar. Ich finde aber, da ist Städtebau zweitrangig. Ich will, dass die Mittelschicht nach Neukölln kommt, ich habe diese Entwicklung immer begrüßt.

Eine abschließende Frage: Was halten Sie von der Forderung der Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt des SPD-Kreisverbands Neukölln, den ehemaligen Bürgermeister Heinz Buschkowsky aus der SPD zu werfen? Ich halte das für Schwachsinn. Die AG Migration und Vielfalt ist ein winzig kleiner Teil der SPD. Abgesehen davon, finde ich es falsch den Wählern gegenüber. Buschkowsky war zu seiner Amtszeit sehr beliebt bei der Wählerschaft. Der signalisiert man jetzt damit: Diese Ära ist endgültig vorbei.

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an maria.kotsev@extern.tagesspiegel.de.