Nachbarschaft

Veröffentlicht am 09.01.2019 von Madlen Haarbach

Thomas de Vachroi ist seit 2017 der deutschlandweit erste Armutsbeauftragter der Diakonie. Er ist Sozialbeauftragter der Neuköllner CDU und engagiert sich unter anderem in der Tee- und Wärmestube in der Weisestraße 34.

„Die Armut wird immer drastischer“, sagt de Vachroi. Immer mehr Familien, Kinder, vor allem aber auch Alleinerziehende und körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen seien von Armut und zum Teil auch Obdachlosigkeit betroffen. Dazu kommen Geflüchtete und Migrant*innen, die seit einigen Jahren in Deutschland leben und keine Wohnung und/oder Arbeit finden. Laut dem Armutsbericht 2018 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes leben in Deutschland etwa 13, 7 Millionen Menschen in Armut. „Wir können die Leute nicht auf der Straße sitzen lassen, wir sind verpflichtet, zu helfen“, sagt de Vachroi. Dabei spiele es keine Rolle, wo die betroffenen Menschen herkommen. „Zu helfen ist unsere Aufgabe. Nicht nur als Christen, sondern als Menschen“, betont er.

Daher versucht de Vachroi, Menschen für das Thema Armut zu sensibilisieren und Firmen für die Unterstützung von Einrichtungen wie die Tee- und Wärmestube zu gewinnen. „Wir können das Thema nicht wegstoßen“, sagt er. Parallel plädiert er seit Jahren für die Öffnung nicht mehr genutzter Flüchtlingsunterkünfte für obdachlose Menschen und fordert analoge Hilfsmaßnahmen zur gesellschaftlichen Re-Integration obdachloser Menschen wie jene für Geflüchtete.

Problematisch sei beispielsweise die Gesundheitsversorgung. Viele obdachlose Menschen würden nicht oder kaum ärztlich versorgt, da sie von Ärzt*innen als „nicht praxistauglich“ befunden würden. Um mehr Aufmerksamkeit auf diese Problematik zu lenken, schickte de Vachroi eine Einladung an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), sich die Lage der Obdachlosen in Berlin anzuschauen und mit ihnen direkt ins Gespräch zu kommen.

In einer Petition an Ernährungsministerin Julia Klöckner (ebenfalls CDU) fordert de Vachroi außerdem eine gesetzliche Verpflichtung für Supermärkte, Lebensmittel an Sozialeinrichtungen zu verschenken statt wegzuwerfen – ähnlich wie dies bereits in Ländern wie Frankreich und Tschechien praktiziert wird.

„Das Thema Armut betrifft alle“, sagt de Vachroi. Er fordert ein konkretes Maßnahmenpaket und eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, um insbesondere von Obdachlosigkeit betroffene Menschen zurück in die Gesellschaft zu holen, unter anderem durch eine sozialpädagogische Betreuung, die weit über die stundenweise Betreuung in Notunterkünften hinaus gehen müsse. „Das Leben dieser Menschen findet dauerhaft auf der Straße statt“, sagt de Vachroi. „Da müssen wir uns nicht wundern, dass diese Menschen krank werden und psychologische Probleme sich häufig verstärken.“ Ohne nachhaltige Maßnahmen anstelle kurzfristiger Projekte, die etwa von einem nationalen Rat beschlossen werden könnten, ließen sich diese Probleme kaum lösen, sagt de Vachroi.

Foto: Carolin Brühl

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.

Anzeige