Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.03.2019 von Madlen Haarbach

Fabian Beran ist Geograf und Stadtforscher an der Humboldt-Universität. Seit 2011 lebt er im Richardkiez.

Fabian, du hast für deine Dissertation zu Verdrängungsprozessen in Berlin geforscht – wie lief das ab? Wir haben Fragebögen an Menschen versandt, die zwischen 2013 und 2015 von Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte aus innerhalb Berlins umgezogen sind. Dabei haben wir insbesondere nach den Gründen für den Umzug gefragt. Von 10.000 angeschriebenen haben 2100 Personen unseren Fragebogen zurückgeschickt. Über die Umzugsgründe haben wir dann ermittelt, wer aus seiner Wohnung verdrängt wurde.

Was waren die Ergebnisse der Studie? Die meisten Personen sind aus mehreren Gründen umgezogen, etwa weil einerseits die Miete anstieg, sie aber andererseits auch mit dem Partner oder der Partnerin zusammenziehen wollten. 23 Prozent der Umzüge in dem Zeitraum bewerten wir als verdrängt. Davon gehen rund 14 Prozent auf Verdrängungsfaktoren zurück, die das Mietverhältnis betreffen – also zum Beispiel Mietsteigerungen oder Eigenbedarfskündigungen, aber auch die Verwahrlosung des Hauses. Knapp sieben Prozent der Umzügler wurden kulturell verdrängt, das heißt, wegen einer deutlichen Veränderung ihres Wohnumfeldes. Für die übrigen zwei Prozent treffen beide Faktoren zu.

Was war der häufigste Grund für Verdrängung? Wie erwartet, waren Mieterhöhungen die häufigste Ursache von Verdrängung. Und diese Mieterhöhungen gingen meistens auf Modernisierungsmaßnahmen zurück.

Wer wird verdrängt? Einerseits werden Mieterinnen und Mieter mit einem niedrigen Einkommen und/oder niedrigem Bildungsabschluss besonders häufig verdrängt, ebenso wie jüngere und ältere Menschen sowie Alleinerziehende. Allerdings kann es im Endeffekt jeden treffen: Denn noch stärker als von diese sogenannten soziodemographischen Merkmalen hängt die Wahrscheinlichkeit, verdrängt zu werden, von der Art des Vermieters ab.

Wer verdrängt denn besonders häufig? Am häufigsten verdrängen tatsächlich private Kleinanbieter, etwa über Eigenbedarfskündigungen. Aber auch hier können wir nachweisen, dass über Mieterhöhungen verdrängt wird. Außerdem privatwirtschaftliche Wohnungsunternehmen. Das geringste Risiko, verdrängt zu werden, haben Mieterinnen einer städtischen oder genossenschaftlichen Wohnung.

Wohin ziehen die Verdrängten? Wir konnten zwischen 2013 und 2015 nicht beobachten, dass die Menschen an den Stadtrand gedrängt wurden. Die meisten Menschen sind zu dem Zeitpunkt innerhalb des Bezirkes umgezogen – damals ging das noch. Ich vermute, dass das heute nicht mehr so leicht geht. Außerdem sind viele derjenigen, die damals keine Wohnung in Friedrichshain-Kreuzberg oder Mitte mehr gefunden haben, nach Nord-Neukölln gezogen.

Du wohnst im Richardkiez – wie erlebst du selbst die Verdrängung? Ich nehme natürlich den raschen Wandel im Kiez wahr, sowohl die Veränderungen im baulichen Bestand als auch in der Gastronomie und der Nachbarschaft. Ich kenne viele Fälle, aus dem Freundeskreis oder auch der Nachbarschaft, von Menschen, die sehr gerne umziehen würden – es aber nicht können. Da leben teilweise Familien mit vier Kindern auf 75 Quadratmetern.

Die Studie, die in Kooperation zwischen der Humboldt-Universität und der Wüstenrot-Stiftung entstanden ist, können Sie hier kostenlos bestellen.

Am 4. April stellt Beran die Ergebnisse seiner Forschung bei einer Podiumsdiskussion der Bürgerstiftung Neukölln zum Thema „Verdrängung in Neukölln“ vor. Gemeinsam mit Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann, dem Geschäftsführer der städtischen Wohnungsgesellschaft Stadt und Land, Ingo Malter, und Karin Baumert, Aktivistin vom Bündnis Zwangsräumung verhindern, sollen die Ergebnisse diskutiert werden – und Handlungsempfehlungen für die Politik abgeleitet werden. Moderiert wird die Diskussion von mir. Los geht’s um 18.30 Uhr im FiPP e.V., Sonnenallee 223a. Der Eintritt ist frei, Infos gibt es hier.

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.

Anzeige