Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.06.2019 von Madlen Haarbach

Etwas verwunschen liegt sie da, direkt an der Sonnenallee: Die Minigolfanlage am Hertzbergplatz. An lauen Sommerabenden kann man nicht nur minigolfen, sondern auch Literatur erleben. Die Lesereihe „Kabeljau & Dorsch“ bezieht hier ihre Sommerresidenz und veranstaltet jeweils am letzten Donnerstag im Juni, Juli und August Lesungen mit jungen Berliner Autor*innen. „Der Minigolfplatz ist einfach ein sehr schöner Ort, den viele gar nicht kennen – obwohl er direkt an einer stark befahrenen Straße liegt “, sagt Victor Kümel, der die Lesungen gemeinsam mit Chris Möller, Lara Sielmann und Malte Abraham organisiert.

Seit 2013 gibt es die Lesereihe in regelmäßigen Abständen in Neuköllner Kneipen, zunächst in den „Gelegenheiten“ in der Weserstraße. Später zog das Kollektiv zum „Alten Roten Löwe Rein“ in Rixdorf. Die Idee ist simpel: Junger Literatur eine ungewöhnliche Bühne bieten, die möglichst niedrigschwellig sein soll. Und so Texte, Gedichte und Essays einem breiteren Publikum bekannt machen. Die Autor*innen werden über einen offenen Aufruf gecastet und kommen aus unterschiedlichen Genres, die Lesungen sind in der Regel gratis oder auf Spendenbasis.

Mittlerweile ist „Kabeljau & Dorsch“ über die Lesungen hinaus gewachsen: Das Kollektiv versteht sich längst als „Label für Literaturvermittlung“. Es veranstaltet „Kabeljau & Talk“-Runden als eine Art Live Late Night Show in der Volksbühne, hat ein multimediales E-Book mit Literatur, Kurzfilmen und Illustrationen herausgebracht, veranstaltet die Preislesung des Jugendliteraturwettbewerbs Lyrix unter dem Motto „Wenn ich groß bin, werde ich Lyrikerin“ – und hat mit dem Ingebach-Borgmann-Preis eine Auszeichnung für Literaturpreise erfunden, die Teilnahmebedingen, Vergabekriterien und Juryprozesse kritisch durchleuchten soll.

Die Lesungen finden nicht mehr nur in Kneipen statt. „Irgendwann haben wir gemerkt, dass die Leute bei warmem Wetter einfach immer später kamen und wir immer später anfangen mussten“, sagt Kümel. „Da dachten wir uns: Gehen wir einfach raus, ist im Sommer eh schöner.“ Die Idee zur Lesung auf der Minigolfanlage lag nahe: Möller und Abraham haben beide in der Vergangenheit dort gejobbt und kannten die Betreiber.

Die Lesungen am Hertzbergplatz sind für das Team gleich mehrfach besonders: „Wir wollen ein Kiezfestival draus machen“, sagt Kümel. Am Minigolfplatz schaue viel Laufpublikum vorbei, andere kämen zum Golfen und blieben zur Lesung. „Das ist ein ziemlicher Nachbarschaftsort, man kann da auch nur Bier trinken auf der Terrasse“, sagt Kümel. Daher fokussieren sich die drei Veranstaltungen am Hertzbergplatz auf Berliner Themen und Autor*innen. Am ersten Termin lesen Yade Yasemin Önder, Hendrik Pohl und Ramy Al-Asheq. Önder ist unter anderem Gewinnerin des renommierten Berliner Literaturwettbewerbs „Open Mike 2018“ in der Kategorie Prosa, Pohl der Preisträger des Retzof-Preises für junge Literatur 2018. Der syrisch-palästinensische Dichter, Journalist und Kurator Al-Asheq ist unter anderem Mitgründer der Arabisch-Deutschen Literaturtage Berlin.

Zu den Lesungen gibt es Verpflegung vom Grill und jeweils spezielle Veranstaltungen: Am ersten Abend etwa einen Kurzfilm, an den anderen Hörspielbeiträge und ein Konzert. Auch die Minigolfbahnen bleiben bis spät in die Nacht geöffnet. Man kann also auch für Literatur kommen – und zum Minigolfen bleiben.

Die Kabeljau & Dorsch Megagolf Lesungen finden am 27. Juni, 25. Juli und 29. August jeweils ab 19.30 Uhr im Hertzberg Golf, Sonnenallee 165, statt. Der Eintritt ist frei, Spenden willkommen. Weitere Infos gibt es unter kabeljau-und-dorsch.de.

Foto:  Victor Kümel (v.l.n.r.), Lara Sielmann, Malte Abraham, Chris Möller, fotografiert von Shirin Moaiyeri

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.