Nachbarschaft

Veröffentlicht am 21.08.2019 von Madlen Haarbach

Thorsten Schlenger ist Regisseur und leitet unter anderem das Kunstfestival 48h Neukölln. Aktuell organisiert er die Jubiläumswoche „100 Jahre Bauhaus“, die vom 31. August bis 8. September anlässlich des Bauhausjubiläums in der Gropiusstadt stattfindet.

Herr Schlenger, Sie sind Initiator der Jubiläumswoche „100 Jahre Bauhaus“. Wie kam diese zustande? Das war ein längerer Prozess, der bereits 2017 anfing. Es kamen zwei Umstände zusammen: Zum einen meine Faszination für das Thema Bauhaus und zum anderen der Wunsch, endlich mal ein größeres künstlerisches Projekt in der Gropiusstadt zu realisieren. Das Jubiläum war sozusagen der willkommene Rahmen, um mich mit der Gropiusstadt auseinander zusetzen. Meine Kolleg*innen von BRAND – Verein für theatrale Feldforschung hatten bereits 2017 mit ersten Recherchen und Interventionen in der Siedlung angefangen. Für diese Prozesse rund um ein Projekt nehmen wir uns viel Zeit,weil es uns bei jedem Projekt auch um eine Auseinandersetzung mit den Menschen vor Ort geht. Die Idee, das Bauhaus-Thema zu nutzen, um in eine Auseinandersetzung mit den Anwohner*innen zu kommen, hat dann sehr schnell viele positive Reaktionen ausgelöst. Sowohl beim Quartiersmanagement, das uns bei den Bauhauswerkstätten, dem partizipativen Rahmen des Projektes unterstützt, als auch beim Fachbereich Kultur des Bezirks. Auch die Wohnungsbaugesellschaften und der Hauptstadt-Kulturfonds unterstützten die Idee. Alle Parteien finden, dass es wichtig ist, das Bauhausjubiläum nicht nur als repräsentative Feier in den Kulturpalästen zu begehen, sondern auch die urbane Peripherie zu beteiligen. Bei der Arbeit vor Ort konnten wir dann viele wundervolle Erfahrungen mit den Anwohner*innen machen, die sich gerne und intensiv an den einzelnen Angeboten, die wir gemacht haben, beteiligt haben. So konnte sich das Projekt lokal gut vernetzen und stetig wachsen.

Welche Rolle spielte das Bauhaus in der Gropiusstadt? Je länger die Recherche vor Ort dauerte, desto mehr haben wir erkannt, dass die Bauhausbezüge sich nicht vordergründig aufdrängen. Gleichzeitig haben die besondere urbane Struktur der Siedlung und die Geschichten rund um die Planung und Realisierung aber das Potenzial, einen echten Inspirationszusammenhang herzustellen. Für uns geht es weniger um die Produkte und Ergebnisse, die das historische Bauhaus hervorgebracht hat. Das können andere viel besser erzählen. Uns geht es um die Ideenwelt des Bauhaus als Inspiration für eine zeitgenössische künstlerische Praxis. Mit diesem Arbeitsansatz konnten wir viele Künstler*innen sowohl in das Ausstellungsprojekt im Gemeinschaftshaus, wie auch für den Performanceparcours gewinnen. Besonders freue ich mich über die Zusammenarbeit mit meinem langjährigen Freund, den Lichtdesigner Martin Beeretz. Er setzt sich in seinem Projekt Pure Light B, das eine Weiterentwicklung aus seiner Arbeit am Bauhaus Dessau ist, mit der Architektur der Siedlung auseinander und wendet die Ideen von Moholy-Nagy in einer zeitgenössischen Art und Weise an. So entstehen riesige Licht-Schattenmodulatoren aus den Gebäuden. In der Ausstellung Werk Stoff Gropiusstadt zeige ich gemeinsam mit Jason Benedict Positionen, die sich sowohl fotografisch und zeichnerisch mit der Gropiusstadt auseinandersetzen und ihre Besonderheit würdigen. Hinzu kommen aber auch Installationen, die sich sowohl mit der Siedlungsplanung (Ingo Gerken), dem Bauhausdesign (Nikolaus Schrot) und der Urform des Hauses (Pascal Brateau) auseinandersetzen. Wer sich auf die Ausstellung einlässt, bekommt die Möglichkeit, danach mit einem ganz neugierigem Blick durch die Siedlung zu streifen. Mir geht es zumindest so, dass ich plötzlich begonnen habe, die Architektur jenseits ihrer Funktionalität zu sehen.

Welche Aktionen haben Sie in der Jubiläumswoche geplant? Ich habe ja schon einige Highlights genannt. Ich möchte in jedem Fall viele Menschen einladen, sich auf die Reise mit unserem Performance Parcours zu begeben. Hier kann man sich auf spielerische Art und Weise in das Herz der Siedlung in mitten in die Bauhaus-Thematik begeben. Wir freuen uns darauf möglichst viele Menschen bei unserem Werkstattpavillion im Park am Lipschitzbrunnen zu empfangen. Gemeinsam mit dem Designkollektiv ON/OFF haben wir dort ein öffentliches Labor eingerichtet, in dem jede*r mit Bauhausmethoden experimentieren kann. Von Druckgrafik über Malerei bis hin zur Soundmaschine halten wir viele interaktive Angebote bereit und laden zur Entfaltung der eigenen Kreativität ein. Wir werden das Opern-Dolmus der Komischen Oper zu Gast haben und ein Partizipationsprojekt der Künstlerin Katrin Glanz lädt dazu ein, sich mit der gerade brisanten Frage: „Wie wollen wir in Zukunft wohnen?“ auseinanderzusetzen. Und last but not least konnten wir die Kuratorin und Architekturexpertin Bettina Güldner dafür gewinnen, Touren zur Geschichte der Siedlung und zu ihrer Architektur anzubieten. Als ich das Glück hatte, mit ihre eine Vorabtour zu machen, sind mir nicht nur sprichwörtlich die Augen aufgegangen.

Was reizt Sie persönlich am Bauhaus-Jubiläum? Ich habe ja schon gesagt, dass mich das Repräsentative nicht reizt. Mich reizt das Lebensgefühl und die kreative Energie, die am Bauhaus geherrscht haben muss. Die Aufbruchstimmung und die Verrücktheit sicher auch. Es ist ziemlich vermessen, das zu sagen, aber ich wünsche mir, dass das Zusammentreffen so unterschiedlicher künstlerischer Projekte, wie wir sie hier versammeln, dazu beiträgt, die Wertschätzung für das künstlerische Schaffen, das die historischen Bauhäusler gerade erfahren, auf die jetzt und hier lebenden und arbeitenden Künstler*innen überspringt. In Berlin erleben wir die freie Kunstszene leider häufig als prekäre Truppe, aber für mich sind es die Bauhäusler von morgen. In dieser Jubiläumswoche haben wir alle die Möglichkeit für eine spannende Begegnung miteinander, mit der Gropiusstadt als einem spannenden Austragungsort.

Welche Potenziale bietet der Architekturstil für die Gropiusstadt? Wie werden diese bereits genutzt und wie könnten diese in Zukunft genutzt werden? Es ist für mich weniger eine stilistische Frage, sondern viel mehr die Frage nach den Überlegungen für das Zusammenleben. Das Bauhaus hat mit seiner künstlerischen Forschung versucht, das Zusammenleben als Ganzes zu adressieren. Die Künstler*innen haben wegweisende Entwürfe gefunden, die auch heute, 100 Jahre später, Anwendung finden. Wir stehen gesellschaftlich vor so vielen Herausforderungen. Die Vergleiche mit der Weimarer Zeit liest man inzwischen überall. Nur sind unsere Zeiten vielleicht noch etwas herausfordernder. Wir können jetzt keine kleinen Lösungen brauchen. Es braucht auch in der Gropiusstadt eine visionäre Vorstellung von der Zukunft. Wenn es eine Lehre aus dem ganzen Bauhausjubiläum gibt, dann ist es für mich diese. Aber erfreulicher Weise bin ich mit dieser Einschätzung nicht alleine.

Weitere Informationen zur Jubiläumswoche und das ganze Programm finden Sie hier. Die Ausstellung „Werk Stoff Gropiusstadt“ ist bis zum 30. November im Foyer des Gemeinschaftshauses, Bat-Yam-Platz 1, zu sehen. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen, Ausstellungen und Installationen ist kostenfrei.

Foto: privat

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.