Nachbarschaft

Veröffentlicht am 11.09.2019 von Madlen Haarbach

Eine Wohnung finden kostet viel Zeit und Nerven. Clemens Schöll hat ein Tool erfunden, das den Prozess erleichtern könnte: Den Wohnungsbot. Per Algorithmus durchsucht der Bot permanent Immobilienanzeigen und versendet automatisch ein personalisiertes Anschreiben, sobald eine Wohnung die angegebenen Kriterien erfüllt. Erst wenn der*die potentielle Vermieter*in auf das Anschreiben reagiert, wird der*die Suchende informiert – und kann dann entscheiden, ob er*sie sich die Wohnung in der Realität ansehen und sich bewerben will oder nicht.

Die Idee entstand quasi aus der Not heraus: Anfang 2018 wollte Schöll, der neben Kunst auch Informatik studiert hat, aus Leipzig zurück nach Berlin ziehen. „Ich habe mit der Wohnungssuche angefangen und war nach zwei Tagen völlig entnervt von Immoscout“, sagt Schöll. Der ganze Suchprozess schien ihm als ständige Wiederholung des gleichen Musters – das müsse doch auch automatisierbar sein, so die Idee. Also programmierte er den Prototyp für den Wohnungsbot – und fand darüber seine Wohnung. „Die war nur eine halbe Stunde online“, sagt Schöll – ohne den Bot hätte er sie wohl übersehen.

Aus dem praktischen Tool entstand über die Monate hinweg auch ein Kunstprojekt. „Die übergeordnete Frage ist, wer was wie automatisieren darf“, sagt Schöll. Im Vordergrund stünden Machtstrukturen: Zwischen jenen, die eine Wohnung anbieten, und den anderen, die eine suchen. Aber auch zwischen denen, die in der Lage sind, Probleme über Technologie zu lösen – und der Mehrheit der Menschen, die das nicht kann.

In Berlin präsentierte Schöll das Projekt zum ersten Mal beim diesjährigen „48h Neukölln“-Festival. Das Thema der diesjährigen Ausgabe, „Futur III“, passte sehr gut, findet Schöll – denn in gewisser Weise nehme sein Boot eine zukünftige Entwicklung, die Automatisierung aller Lebensbereiche, vorweg. „Berlin ist eine besonders spannende Stadt für Wohnungspolitik“, sagt Schöll. Hier gebe es mehr Diskurse über den Wohnungsmarkt. „Man hat den Eindruck, hier ist noch nicht ganz entschieden, wer am Ende gewinnt“, sagt Schöll. Die Menschen hätten ein stärkeres Bewusstsein für die Gentrifizierung, die Stimmung sei „politisch akuter als in anderen europäischen Metropolen“, sagt Schöll. Das liege sicherlich auch daran, dass das Tempo der Gentrifizierung so extrem sei.

Einen wirklichen Wandel bringe sein Bot natürlich nicht, sagt Schöll. „Es ist nach wie vor Kunst, kein Aktivismus“, betont er. Wichtig sei ihm vor allem, dass sein Bot tatsächlich anwendbar ist, nicht nur ein spekulatives Kunstprojekt. Die Kunst treffe, gerade bei dem Thema, schließlich immer wieder auf die reale Not, sagt Schöll: So seien bei der Ausstellung in Neukölln immer wieder Menschen bei ihm aufgetaucht, die sich für den künstlerischen Aspekt des Projektes gar nicht interessierten – sondern die einfach verzweifelt eine neue Bleibe benötigten. „Selbst wenn der Bot nicht als Kunstwerk wahrgenommen wird, und meine Kritik auf der Metaebene vielleicht nicht ankommt: Dann helfe ich halt einfach Leuten bei der Wohnungssuche, das ist auch cool“, sagt Schöll.

Den Wohnungsbot und weitere Infos zum Projekt finden Sie unter wohnung.neopostmodern.com.

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.

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