Nachbarschaft

Veröffentlicht am 18.09.2019 von Madlen Haarbach

Beate Storni wohnt seit 1954 im Schillerkiez. Seit elf Jahren ist sie Mitglied im Quartiersrat und engagiert sich im Nachbarschaftstreff. Sie ist Feldkoordinatorin und Mitgründerin der Bürgerinitiative „100% Tempelhofer Feld“, die sich gegen die Bebauung des Geländes einsetzt.

Wie engagierst du dich im Kiez? Am Besten in den kleinen Dingen, damit die größeren sich gut entwickeln können. Der Nachbarschaftstreff im Schillerkiez ist ein Treffpunkt in dem so viele unterschiedliche Menschen mit verschiedensten Ideen zusammenkommen, dass es eine Freude ist. Jeden Tag aufs Neue ist zu erleben, wie wichtig dieser Ort ist. Die Nachbarschaft kommt zweimal in der Woche zum gemeinsamen Essen zusammen, es finden Mieterberatung, soziale Beratung, kleine Ausstellungen und Lesungen statt, unterschiedlichste ehrenamtlich arbeitende Gruppen treffen sich, in Sprachcafés schnattern sich viele Menschen durch mehrere Sprachen, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern, was bestens gelingt, – und, und, und.

Wie bist du zum Quartiersrat gekommen? Meine Hoffnung war, kleinteilige Verbesserungen mitgestalten zu können. Das Programm „Soziale Stadt“ ist ja an sich eine gute Idee, die Folgen sind es oftmals nicht. Schließlich wird dieses Programm, dass durch die Quartiersmanagements und die Quartiersräte umgesetzt wird, über den Baufonds finanziert, so dass es schlussendlich mit zu Mietpreissteigerungen beiträgt. Jetzt läuft es im Schillerkiez aus und wir werden neue Strukturen schaffen können. Erstrebenswert dabei ist, Neuköllner Leitlinien zur Bürgerbeteiligung zu schaffen, die sich besser an den Bedürfnissen der Bewohnerschaft orientieren. Ein „Schillerment“ – wie ein Parlament, mit einem eigenen Bürgerhaushalt wäre eine gute Möglichkeit.

Außerdem engagierst du dich für den Erhalt des Tempelhofer Feldes. Da ich ein absoluter Fan von Bürgerbeteiligung bin, war es eine logische Folge aus dem Beteiligungsprozess zum Tempelhofer Feld heraus, der im Entwicklungs- und Pflegeplan (EPP) beschrieben ist, einen Ort für die weitere Bürgerbeteiligung zu finden. Dieser ist das Gebäude 104 auf dem Feld, nahe des Eingangs Herrfurth- Ecke Oderstraße. Also gründeten wir als Feldkoordinator*innen den Verein „Haus 104 Tempelhofer Feld“ und füllen seitdem das Haus mit Leben. Den Sommer über bringen die Feldmusiker*innen jeweils am ersten Sonntag im Monat das Haus zum Klingen, Ausstellungen finden statt, stadtpolitische Initiativen treffen sich und die Feldbesucher*innen könne sich am „open friday“ vor Ort informieren.

Warum findest du zivilgesellschaftliches Engagement wichtig? Zivilgesellschaftliches Engagement – sprich: Nachbarschaftshilfe, die auch gerne über den Kiez hinaus gehen kann – ist der Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Der Staat ist die Summe seiner Einwohner und diese haben die Pflicht und das Recht, Wirtschaft, Politik und Verwaltung abzuverlangen, dass alle in Frieden und wohlversorgt leben können ohne Repressalien befürchten zu müssen. Dazu hat ebenfalls jede*r die Pflicht und das Recht, nach bestem Wissen und Können beizutragen. Das stärkt unser friedliches Zusammenleben sowie unsere Demokratie und verhindert Abdriften in extremen politischen Irrsinn. Wer erwartet, dass Politik und Verwaltung schon alles regeln, gibt seine Verantwortung ab.

Was gefällt dir, was stört dich an Neukölln? Neukölln ist eben Neukölln, wie es leibt und lebt, bunt, vielfältig und nett-chaotisch. Was mich wirklich stört sind die Sorte Touristen, die sich rücksichtslos benehmen, Ferienwohnungen okkupieren, vielfach Ruhestörungen produzieren und dann noch ihren Müll herum schmeißen, und, aus meiner Sicht, den Lebensraum der Anwohner nicht achten.

Was würdest du dir von der Lokalpolitik, aber auch von den Nachbar*innen, wünschen? Weiterhin und noch verstärkt den Kontakt zu den Einwohner*innen zu pflegen, kultur- und generationsverbindende Räume und Aktionen zu unterstützen und vor allem Unterschiede als Chance zum Lernen zu verstehen und nicht als Bedrohung. Schön wäre, wenn sich alle kleine Gefallen antun würden, vom Tasche hinauftragen über Blumengießen in der Urlaubszeit, bis Babysitting und Einkaufen gehen für eine*n kranke*n Nachbar*in, etc., dass jede*r einfach schaut, ob es der*dem anderen gut geht. Und ganz toll wäre, wenn alle die bezirklichen Freiflächen und Straßen als gemeinsames Wohnzimmer begreifen würden, in dem nicht rumgespuckt und Müll verteilt wird.

Hast du einen Tipp, Lieblingsort im Kiez? Na logo! Das Tempelhofer Feld, das Biotop in der Hasenheide und den Jerusalemer Friedhof.

Foto: privat

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.

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