Nachbarschaft

Veröffentlicht am 10.06.2020 von David Joram

Leon Eixenberger, Neuköllner seit 2011, ist Stipendiat der Hans- und Charlotte-Krull-Stiftung, die Menschen für herausragende künstlerische Leistungen unterstützt. Der 34-Jährige fertigte eine Videoarbeit, aufgenommen im Haus des Architekten Hans Scharoun, in der es um menschliche Beziehungen geht – übertragen aufs Medium Architektur. „Alphabet“ heißt das Werk, zu bestaunen vom 25. Juni bis 6. September in der Kommunalen Galerie Berlin, die auf Instagram Online-Rundgänge anbietet.

Herr Eixenberger, Künstler schätzen oftmals Stille, Weite und Natur. Sie leben in Neukölln. Warum? Das hat sich so ergeben, weil ich damals in die Wohnung eines Freundes eingezogen bin. Ich mag die Geräusche des Viertels, es ist und klingt lebendig.

Welche Klischees haben sich bestätigt und welche nicht? Ich versuche mich nicht so sehr von Klischees beeindrucken zu lassen. Neukölln bedeutet für mich Multiplizität, ein Stadtteil, in dem verschiedene Lebensrhythmen schlagen, unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinandertreffen. Das ist ein echtes Multiversum.

Multiversum, ein schöner Begriff! Wo darin ist ihr Lieblingsort? Da gibt es viele. Wenn ich einen nennen müsste, dann die Community-Gärten am Tempelhofer Feld. Und aus künstlerischer Perspektive „Tier Space“ (The institute for endotic Research), ein Kunstprojektraum, den ich wirklich mag. Dort gibt es Lesungen, Workshops oft mit Bezug auf einen Architekturdiskurs.

Wie viel Neukölln steckt in „Alphabet“, ihrem Videoprojekt? Die Arbeit an sich hat mit Neukölln nicht so viel zu tun. Es geht um den Aspekt der Berührung, um Beziehungen gegenüber anderen Personen, um die Art, wie Architektur als Medium der Kommunikation dienen kann. Wenn man so will, kann man die Arbeit aber auch auf Neukölln übertragen: Hier berühren sich ständig unterschiedliche Lebenswelten, der Stadtteil ist sehr lebendig, viele Demos, viel Gemenge. Wenn man durch die Straßen läuft, ist die Nähe zu anderen spürbar, die Leute streifen einen.

Wie sehr hat die Coronavirus-Krise diese Nähe verändert? Das war tatsächlich ganz interessant, denn der Lockdown war erstmal ein Schock, der die Grundfesten im Lebensrhythmus erschüttert hat. Ein bisschen hatte das was von Geisterstadt, als die Läden geschlossen hatten, es war ruhig. Und die sozialen Kontakte sind natürlich viel weniger geworden – dafür aber intensiver, die Kontakte bekamen eine andere Bedeutung. Und nun, nachdem die Beschränkungen wieder gelockert wurden, spüre ich, dass es sich anders anfühlt, Menschen zu begegnen. Der Rhythmus ist ein anderer geworden, die Nutzung des öffentlichen Raums.

Sie leben seit elf Jahren in Neukölln. Wie viel Veränderung haben Sie seither erlebt? Oh, sehr viel. Neue Geschäfte haben geöffnet, alte Kiezkneipen sind geschlossen oder von einem jüngeren Publikum, zu dem ich ja auch gehöre, übernommen worden, was manchmal schade ist.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was würde sich in Neukölln dann ändern? Viel könnte sich ändern, das Zusammenleben könnte manchmal harmonischer sein, das Tempelhofer Feld könnte mit günstigem Wohnraum bebaut werden. So ist auch der Kosmos Neukölln bedroht, die Themen wie Verdrängung, steigende Mieten et cetera sind bekannt. Die Gentrifizierung ist weit fortgeschritten, deshalb gibt es ja auch Demos und Proteste. Es geht darum, dass sich das Multiversum weiter entfalten soll.

Foto: Daniel Delang

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.