Nachbarschaft

Veröffentlicht am 24.06.2020 von Madlen Haarbach

Claudia von Gélieu ist Politikwissenschaftlerin und organisiert seit 30 Jahren Frauentouren. Privat engagiert sie sich seit Jahrzehnten antifaschistisch. Sie ist Betroffene der rechtsextremen Anschlagserie in Neukölln und engagiert sich unter anderem bei der Initiative „Rudow empört sich. Gemeinsam für Respekt und Vielfalt“.

Frau von Gélieu, Sie sind unter anderem Teil der Initiative „Rudow empört sich“. Wie kam es zu Ihrem Engagement gegen Rechts und Rassismus? Ich habe schon als Jugendliche in Antifa-Zusammenhängen gearbeitet, also schon während der Schule. Das habe ich in Berlin fortgesetzt. Seit 1990 arbeite ich in der Galerie Olga Benario mit, die nach einer ermordeten Antifaschistin benannt wurde. Das ist eine politische Galerie, wir machen nicht nur Antifa-Themen. Ich gehe davon aus, dass der Brandanschlag auf das Auto von meinem Mann und mir (Anm. d. Red: im Februar 2017) – er ist genauso wie ich im Antifa-Bereich aktiv, das waren wohl zwei Fliegen mit einer Klappe – mit unserem Engagement in der Galerie zusammenhing.

Meine Adresse steht auf der Homepage der Galerie, wir wissen aber auch, dass die Verdächtigen Menschen beobachtet haben. Zumal die Galerie Olga Benario vorher schon mehrfach von Anschlägen der Rechten, von Schmierereien und eingeworfenen Schaufenstern, betroffen war. Im Februar 2018, nach dem zweiten Brandanschlag auf das Auto des Buchhändlers Heinz Ostermann, hat er die Initiative „Rudow empört sich“ gestartet. Wir haben damals eine Kartenkampagne mit 4000 Karten an den Innensenator organisiert, in denen Rudower*innen Aufklärung fordern.

Wie engagiert sich die Initiative seitdem? Wir haben den Namen erweitert um „Gemeinsam für Respekt und Vielfalt“, weil wir meinen, dass Solidarität wichtig ist, um den Rechten das Feld nicht zu überlassen. Seitdem haben wir jedes Jahr eine offene Tafel organisiert. Dieses Jahr können wir das wegen Corona leider nicht machen. Wir entfernen auch regelmäßig Nazi-Schmierereien, weil das in Rudow sehr, sehr schlimm ist – obwohl Irmela Mensah-Schramm jeden Samstag nach Rudow kommt und sauber macht. Aber sie schafft das gar nicht alleine, wenn es ganz schlimm ist machen wir dann zusammen Aktionen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich der Rechtsextremismus in Neukölln über die vergangenen Jahre und Jahrzehnte verändert hat? Die Brandanschläge auf Autos haben 2016 angefangen, 2011 gab es zwei Brandanschläge auf das Anton-Schmaus-Haus der Falken. Es ist ganz schwierig, einzuschätzen, wenn man das zurückverfolgt. Auch Betroffene von den Brandanschlägen sagen, dass es seit den 1970er Jahren in Rudow und in Süd-Neukölln massiv Nazi-Gruppen gegeben hat. Die sind in all diesen Jahren unterschiedlich aufgetreten. Ich kann mich erinnern, als ich nach Neukölln gezogen bin, gab es in Rudow immer eine Nazi-Demonstration. Das ist dann aber auch durch massives Dagegen-Vorgehen irgendwann zusammengebrochen. Ganz zum Schluss hat die Polizei die Nazis, die aus Brandenburg angereist sind, schon in Schönefeld am Bahnhof abgefangen, sowas ist auch wichtig. Und es hat immer wieder Wellen von Angriffen gegeben, auch in unterschiedlichen Formen.

Ab 2010 gab es auch Angriffe in Nord-Neukölln, was vorher überhaupt nicht war, vorher hat sich das immer auf den Süden begrenzt. Das war eine neue Qualität. Da wurden dann verschiedene Projekte mehrmals angegriffen. 2016/17 wurde etwa das Café K-Fetisch angegriffen, auch mit einem Brandsatz. Im Moment scheint es sich auf die Sonnenallee zu konzentrieren. Aber das ist umgekehrt auch das schlimme: Auch wenn es mal zwischendurch im Süden etwas ruhiger scheint, man weiß nie, was vorbereitet wird und was sie als nächstes machen. Auch bei den Brandanschlägen war das so: Nicht nur bei Ferat Kocak, auch bei uns ist das Feuer nur mit viel Glück nicht auf das Haus übergesprungen. Ich weiß von einem anderen Anschlag aus der Hufeisensiedlung, wo das ähnlich war, da hatte das Haus auch Rußschäden. Das heißt, es ist eigentlich – obwohl die Anschläge in der Regel zwischen 2 und 3 Uhr nachts waren – in mehreren Fällen mit sehr viel Glück nichts schlimmeres passiert.

Wie beeinflusst Sie das in Ihrem Alltag? Sie leben ja selbst nach wie vor in Rudow. Ich glaube das ist bei jeder Person unterschiedlich. Bei mir ist es so, dass ich meine Antifa-Aktivitäten dadurch noch mehr verstärkt habe, nicht nur bei den Initiativen „Rudow empört sich“ oder „Hufeisern gegen Rechts“ oder dem Bündnis Neukölln. Wir haben auch eine Vernetzung der Betroffenen, wo wir zusammen überlegen, wie wir mit den mangelnden Ermittlungsergebnissen und den Vorfällen, die immer wieder aus Polizei und Sicherheitsbehörden bekannt werden, umgehen. Ich reflektiere das auch so, dass das meine Verarbeitungsform ist – ich reagiere auf irgendetwas eher mit Wut. Andere Betroffene nimmt das emotional viel mehr mit.

Es gibt auch einige, die nicht in die Öffentlichkeit gehen oder gehen wollen. Wenn ich Angst habe, dann betrifft das eher nicht mich selbst – für mich selber kann ich entscheiden, welches Risiko ich eingehe. Aber wenn ich Angst habe, dann was die Galerie Olga Benario angeht – wir machen da Veranstaltungen, da sitzen Leute. Wenn da jemand reinstürmt oder wenn da jemand angegriffen wird, der von einer Veranstaltung kommt oder wenn – wie beim K-Fetisch nachts etwas reingeworfen wird. Für uns wäre das auch schrecklich, wenn die Galerie ausbrennen würde. Aber hauptsächlich würde es ja die Leute treffen, die in dem Haus wohnen. Da fühle ich mich verantwortlich und da ist die Frage, wie kann man damit umgehen.

Die Betroffenen der rechten Anschlagserie haben wiederholt die fehlende Aufklärung kritisiert. Was werfen Sie Polizei und Behörden vor? Meine Kritik richtet sich weniger auf die Polizei, sondern wirklich eher an die Politiker und Politikerinnen. Die sitzen das auch einfach aus. Jetzt soll irgendeine Kommission eingesetzt werden, die die Ergebnisse der BAO „Fokus“ nochmal überprüft. Das sind Scheinaktivitäten. Es ist eine politische Frage, wenn es um Behördenversagen und Fehler geht, die ja auch offiziell eingestanden wurden. Das muss konsequent mit einem Untersuchungsausschuss aufgearbeitet werden und auch politische Konsequenzen haben. Strukturen müssen verändert werden und Leute, die nicht in die Polizei gehören, da wegkommen.

Foto: Madlen Haarbach

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+++ Hier lesen Sie auch über den rechten Anschlag auf die Damaskus Bäckerei in der Sonnenallee

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