Nachbarschaft
Veröffentlicht am 26.08.2020 von Madlen Haarbach
Urs Richter und Vera Ritter haben das Kinderprojekt „Traumkiez“ im Harzer Kiez entwickelt.
Anlass des Projektes ist ein Bauprojekt an der Harzer Straße/ Ecke Brockenstraße, bei dessen Vorbereitung und Genehmigung aus Sicht von Ritter und Richter weder Anwohner*innen noch die angrenzende Schule beteiligt wurden. Urs Richter ist selbst Vater eines Kindes, das die Hans-Fallada-Schule besucht – und kennt sich nach einem Studium von Architektur und Städtebau in der Thematik aus. Vera Ritter leitet in der Nachbarschaft unter anderem ein Projekt, das Arbeitsräume für Kreative zur Verfügung stellt. „Hier wollte vor neun, zehn Jahren keiner hin“, sagt sie. Und weiter: „Wir haben an die Stadtplanung appelliert, wirklich die Anwohner zu berücksichtigen – und dazu gehören laut Baugesetzbuch auch Kinder und Jugendliche.“
Ritter und Richter fordern eine Bürger*innenbeteiligung, ähnlich jener, die etwa in der Nachbarstadt Potsdam üblich ist – einen Dialog auf Augenhöhe, der ergebnisoffen sein soll. Gerade in Neukölln stecke die – gesetzlich vorgesehene – Bürger*innenbeteiligung quasi in den Kinderschuhen. „In der Realität sieht das – etwa am Beispiel der betroffenen Schule in der Harzer Straße – so aus, dass das entsprechende Papier in der Bau- und Schulverwaltung über irgendeinen Schreibtisch rutscht, abgezeichnet wird und wieder zurück geht, ohne, dass die Schule jemals wirklich konsultiert wurde“, sagt Urs Richter. „Wir dachten, wenn Bezirk und Senat keine Ideen haben, wie man mit der eigenen Bevölkerung in Kontakt treten kann, dann machen wir einfach einmal Vorschläge“, sagt Vera Ritter. Entstanden ist das Projekt „Traumkiez“, das unter anderem vom Deutschen Kinderhilfswerk gefördert wird.
In Workshops sollen Kinder der Schule lernen, etwa Vogelhäuschen, Hütten in der Natur oder auch Städte aus Pappe zu bauen. Ihr in den Workshops erworbenes Wissen sollen die rund zehnjährigen Kinder dann anwenden, um ein buntes Modell, zwei mal drei Meter groß, des idealen Kiezes zu bauen. Das Modell soll anschließend im Rathaus ausgestellt werden. Parallel gibt es Exkursionen in verschiedene Kieze, etwa in die High-Deck-Siedlung. „Wir waren sehr erstaunt, wie positiv die Kinder das angenommen haben“, sagt Urs Richter. „Weil ja die meisten Erwachsenen heutzutage, wenn sie Siedlungen wie eben die High-Deck- oder auch die Rollberg-Siedlung sehen, schnell wegrennen. Aber gerade, dass es in diesen Siedlungen autofreie Räume gibt, wo man einfach so rumrennen kann, hat – abseits von jeder bewussten Reflexion – die Kinder einfach angesprochen.“
Aus dem Projekt heraus sollen Ideen entwickelt werden, wie eine Stadt Kind- und damit auch Menschengerechter werden kann. Statt abgeschlossener Wohnsiedlungen wie eben jener, die in der Harzer Straße gebaut werden soll, fordern Ritter und Richter Begegnungsorte und multifunktionale Räume, eine gerechte Aufteilung der Flächen etwa durch Spielstraßen oder kulturelle Stätten. Dadurch soll das entstehen, was Ritter und Richter „Bürgersinn“ nennen – ein Bezug und auch ein gewisses Verantwortungsgefühl für die eigene Nachbarschaft. Denn gerade der Harzer Kiez sei, durch seine kanalbedingte geographische Trennung vom Rest Neuköllns, immer etwas außen vor und eine Art blinder Fleck in der Bezirkspolitik, der häufig vernachlässigt werde.
Foto: privat
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