Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.09.2020 von Madlen Haarbach

Udo Gößwald ist seit 1985 Direktor des Museum Neukölln. Aktuell plant er seine letzte Ausstellung „Das Museum des Lebens“ – bevor er im kommenden Jahr in den Ruhestand geht.

Herr Gößwald, wie sind Sie damals zum Museum gekommen? Ich war damals aktiv beim museumspädagogischen Dienst, habe Führungen gemacht in diversen Einrichtungen in Berlin. In einer dieser Führungen war die damalige Leiterin des Kunstamtes. Sie hatte das Amt gerade übernommen und entdeckt, dass sie ein Heimatmuseum in ihrem Bezirk hat, dass so etwas vor sich hin schlief. Sie fragte mich, ob ich nicht Interesse und Lust hätte, an der Konzeption des Museums mitzuarbeiten. Das war natürlich für mich eine Riesenchance. Ich habe mir die Sammlung und das Haus angeguckt, das war damals in der Ganghoferstraße hinter dem Stadtbad. Ich habe festgestellt, dass es eine interessante Sammlung war, was die Objekte anbelangte, es war nur alles in einem ziemlichen Chaos und unsortiert. Aber jemand, der sich für Museen begeistert, der begeistert sich auch für jede Sammlung, egal in welchem Zustand sie ist.

Was war damals Ihre Idee für das Museum? Der Grundgedanke war ein Museum für Stadtkultur und Regionalgeschichte. Das heißt, es war immer eine Kombination aus ethnographischer, ethnologischer Forschung und historischer Forschung. Diese beiden Elemente habe ich miteinander verbunden. Ich habe selbst Europäische Ethnologie studiert, später dann promoviert. Das waren die beiden Eckpunkte, mit denen ich bis heute arbeite.

Inwiefern unterschied sich das Konzept vom bisherigen Museum? Das war ein klassisches Heimatmuseum, wo man mit einem Förderverein Einzelobjekte sammelte, insbesondere aus dem Alltag, aus dem Bereich der Küche oder des Handwerks. Und zwar mit großer Akribie, mit großer Leidenschaft, das muss man sagen. Mein Vor-Vorgänger Wilhelm Schmidt war ein sehr aktiver Mann. Der hat auch Dokumentationen des Bezirks gemacht, ist mit Tonband herumgelaufen und hat Töne von Glocken und von Straßenbahnen in den 50er und 60er Jahren aufgenommen. Aber es hatte irgendwie kein Profil, keine Idee. Die Ausstellungen waren müde, hatten keine richtigen Erkenntnisse vermittelt; das war ein Sammelsurium. Und dann haben wir versucht, nach und nach dem ganzen Profil zu geben, die Sozial- und Kulturgeschichte zu sortieren und zu gucken: Was sind denn eigentlich die Hauptaspekte in der Stadt? Wo kommen die Aspekte zusammen?

Mein Ansatz war immer zu sagen: Geschichte im Mikrokosmos. Das heißt, wir gucken auf eine Straße, wir gucken auf eine Region. Wir nehmen uns ein Thema vor. Zunächst war es die Geschichte der Böhmen, mit der wir uns intensiv beschäftigt haben. Dann kam auch die Geschichte der jüdischen Bevölkerung, der jüdischen Verfolgung dazu. Ganz wichtiges Thema 1988. Es ging um die Geschichte der Menschen, nicht um die Geschichte der Herrschaft, der Sieger. Und das bedeutete eben Spuren jüdischen Lebens. So hieß damals die Ausstellung, und das war eine der ersten regional geschichtlichen Ausstellungen überhaupt in Berlin zur Geschichte der Juden.

Wie hat sich das Museum in den vergangenen 35 Jahren verändert? Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir damals das Museum modernisieren konnten. Das heißt,  es mit moderner Ausstellungstechnik ausgestattet haben. Das hat eben auch bedeutet, dass wir Ausstellungen machen konnten, die ein bisschen experimenteller waren. Den eigentlichen Schritt zu einer Digitalisierung in den Ausstellungsräumen haben wir dann erst nach dem Umzug auf den Gutshof in Britz 2010 gemacht.

Im kommenden Jahr übergeben Sie quasi den Staffelstab an eine neue Leiterin oder einen neuen Leiter. Wie fühlt sich das an? Naja, das nimmt man mit gemischten Gefühlen wahr. Ich blicke auf viele erfolgreiche Ausstellungen zurück und das Museum genießt große Anerkennung bei der Bevölkerung und beim Bezirksamt. Nach meiner Tätigkeit hier im Museum Neukölln höre ich nicht auf weiterzuarbeiten, nachzudenken und Projekte zu entwickeln. Jedenfalls habe ich dann noch eine ganze Menge vor. Ich möchte jetzt das Haus in gutem Zustand übergeben und sehen, dass die Infrastruktur und die personelle Situation in Ordnung sind.

Die letzte Ausstellung, die ich jetzt plane, rekurriert noch einmal sehr deutlich auf die Geschichte einzelner Menschen. Sie wird den Titel „Das Museum des Lebens“ tragen. Da geht es um neun Neuköllnerinnen und Neuköllner, die in den letzten Jahren verstorben sind und deren Angehörige an sie erinnern, mit Objekten, Fotografien, Dokumenten, Filmen. Diese private Erinnerungskultur zeigt an dieser Stelle das Wirken von Menschen, die sonst nicht so im Rampenlicht stehen. Was sie einem gegeben haben, als Angehörige, Eltern, Freunde oder Freundinnen, halte ich für kulturell eine sehr, sehr wichtige Sache, weil das uns einfach auch trägt.

Was ist die größte Herausforderung für das Museum aktuell? Einerseits benötigen wir schon sehr lange eine weitere Stelle im Bereich Kuratieren und Öffentlichkeitsarbeit. Das andere Thema betrifft meinen Nachfolger oder meine Nachfolgerin, da geht es praktisch um die Dotierung der Stelle. Wir in der Museumsszene sind uns weitestgehend einig, dass die Leiter oder Leiterinnen von regionalen Museen nach der Tarifgruppe 13 eingruppiert werden sollten, wie wissenschaftliche Mitarbeiter oder Grundschullehrer. Der Finanzsenat hat diese Stelle nur nach Kategorie elf bewertet. Das ist das Problem. Welche Verantwortung tragen wir für Bildung und Kultur im Bezirk? Wir haben ständig Schulklassen hier, die Öffentlichkeit. Wir machen Erwachsenen- und politische Bildung. Wir haben ein Kulturangebot, was sehr differenziert ist, auch mit künstlerisch orientierten Ausstellungen etc. Es ist eine hoch qualifizierte Arbeit, die hier gemacht wird. Und wenn das nicht entsprechend honoriert wird, dann ist das ein Dilemma.

Das heißt, Sie fürchten, dass sich kein*e qualifizierte*r Nachfolger*in findet?  Ich befürchte, dass dadurch die Qualität der Arbeit im Museum Neukölln leiden wird. Eindeutig. Und es muss jedem einleuchten, dass ein Museum den gleichen Bildungsauftrag hat wie eine Grundschule. Mindestens.

Was würden Sie sich wünschen von Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin? Ich glaube, das Wichtigste ist, dass es jemand ist, der ein offenes Ohr und offenes Auge hat für die Entwicklungen im Bezirk. Das ist das A und O. Es sollte jemand sein, der den Bezirk versteht, in seiner komplexen Geschichte, auf die Lebensgeschichte einzelner Menschen eingeht und auch den aktuellen Entwicklungen nachspürt. Dafür erfordert es eigentlich eine Kombination aus Sozialgeschichte, Kulturgeschichte und ethnografischen Fragestellungen. Auch ein politisches Verständnis ist nötig, würde ich sagen, um alle demokratischen Strukturen hier im Bezirk zu stützen, zu stärken und auszubauen. Dann muss natürlich jemand ein großes ästhetisches Empfinden haben, um zu wissen, was eine Ausstellung ist, die die Leute begeistert. Es muss jemand sein, der kreativ und experimentierfreudig ist. Der auch modernste Formen der Gestaltung erproben möchte. Wie macht man eine Sammlung so lebendig, dass Menschen dadurch angeregt werden, über sich und ihre Geschichte nachzudenken?

Aktuell ist noch bis zum 4. April die Sonderausstellung „Großstadt Neukölln. 1920-2020“ zu sehen, alle Informationen dazu finden Sie hier.

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.

Dieser Beitrag stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Neukölln. Die Newsletter für alle 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge hier: leute.tagesspiegel.de

Hier Themen aus dem aktuellen Neukölln-Newsletter:

  • Nachbarschaft: Udo Gösswald ist seit 1985 Direktor des Museum Neuköllns – und plant jetzt seine letzte Ausstellung
  • Anwohner*innen aus dem Schillerkiez beklagen unverhältnismäßigen Polizeieinsatz rund um die Syndikats-Räumung
  • Tickets für „Gazino“-Premiere im Heimathafen gewinnen
  • Einbruch in Mädchenzentrum: „Schilleria“ bittet um Spenden
  • Freie Träger befürchten Kürzungen in der Jugendarbeit
  • Öffentliches Gedenken: Diese Woche werden mehrere Stolpersteine im Bezirk verlegt und alle übrigen geputzt
  • Erneute Verwicklungen in der Neuköllner AfD
  • Martin Steffens wird neuer Geschäftsführer der Kulturstiftung Schloss Britz