Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.10.2020 von Madlen Haarbach

Ellen Esser war viele Jahre Schauspielerin und Regisseurin. „Irgendwann habe ich den Drang gehabt, Chefin meiner eigenen Welt zu sein“, erzählt sie am Telefon. Sie begann, als Autorin zu arbeiten – schrieb Theaterstücke, Prosa, und irgendwann ihren ersten Roman „Maries Labyrinth“. „Da habe ich mich so viel mit Labyrinthen beschäftigt und tolle Erlebnisse gehabt, zum Beispiel in einem Labyrinth in Leipzig, wo man zur Sommersonnenwende das Gefühl hatte, die Hexen haben schon vor tausend Jahren auch da gefeiert“, sagt sie.

Dieses Gefühl wollte sie nach Berlin bringen. Zunächst experimentierte sie mit einem Labyrinth auf dem Tempelhofer Feld, das für einen Monat installiert wurde. 2019 entstand dann Ellen Essers Labyrinth in der Hasenheide. „Das ist total gut angenommen worden“, sagt sie (siehe auch „Kiezkamera“ weiter unten). Nach ihrer Vergangenheit am Theater fehle ihr nun beim Prosaschreiben etwas der kommunikative Aspekt, die Verbindung nach außen. „Deshalb hatte ich das Bedürfnis, einen Ort der Kommunikation zu erschaffen, und das ist auch gelungen.“ Esser veranstaltete Konzerte im Labyrinth, organisierte Führungen, Picknicks und Qi-Gong-Stunden.

Nun ist das Labyrinth allerdings in Gefahr. „Mir wurde ursprünglich vom Grünflächenamt gesagt, dass das Labyrinth von Jahr zu Jahr verlängert werden würde, wenn die Steine nicht durch die Gegend geschmissen werden“, sagt Ellen Esser. „Das ist nicht passiert, im Gegenteil, das Labyrinth wurde total gut angenommen.“ Es sei zu einem Ort der Achtsamkeit geworden, der nicht einmal bei den berüchtigten illegalen Raves in der Hasenheide angetastet würde. Nun sei ihr allerdings mitgeteilt worden, dass sie das Labyrinth zum Ende des Jahres abbauen müsse. „Mir kommt es so vor, als wisse im Grünflächenamt der eine nicht, was der andere vorgehabt hatte“, sagt Esser.

Die Begründung sei gewesen, dass man nicht andere Projekte ablehnen könne, während ihres genehmigt sei. Dabei habe ein Mitarbeiter des Grünflächenamtes selbst 2019 die Steine platziert, die sie organisiert hatte. „Der Park ist nun wirklich nicht so klein, dass man hier nur das eine Projekt umsetzen kann“, sagt Esser. Gerade während der Pandemie sei das Labyrinth ein wichtiger Ort: „In Zeiten, wo die Kultur sowieso daniederliegt, beendet der Bezirk ein Projekt, dass coronamäßig unbedenklich ist“, sagt Ellen Esser.

Mit einer Unterschriftensammlung will Esser nun verhindern, dass das Labyrinth abgebaut werden muss. Aus dem Bezirksamt hieß es derweil, dass Esser einen Antrag auf eine Verlängerung ins kommende Jahr stellen könne – was allerdings noch nicht heiße, dass dieser Antrag dann auch bewilligt werde. Dauerhafte Genehmigungen seien für Grünanlagen grundsätzlich nicht möglich. Weitere Infos zum Labyrinth gibt es hier. – Text: Madlen Haarbach

Foto: privat

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