Nachbarschaft

Veröffentlicht am 18.11.2020 von Madlen Haarbach

Margaretha Müller ist seit zwei Jahren bezirkliche Koordinatorin für Alleinerziehende in Neukölln. Ins Leben gerufen wurde ihre Stelle, die beim Sozialdienst Katholischer Frauen angesiedelt ist, von der Senatsverwaltung.

Frau Müller, worin besteht ihre Aufgabe? In jedem Bezirk sollen wir darauf hinwirken, dass die bezirkliche Infrastruktur für alleinerziehende Familien verbessert und den Bedarfen angepasst wird. Ich habe etwa Fragebögen entworfen, sowohl für die Alleinerziehenden als auch für die Träger, also Familienzentren und alle, die eben für Frauen, Jugend und den Familienbereich Angebote haben, damit ich einfach erfahre: Was gibt’s alles schon und welche Bedarfe haben die Alleinerziehenden? Und was fehlt uns? Dann habe ich systematisch angefangen, mich zu vernetzen, also mich auch wirklich persönlich bekannt zu machen. Ich habe dargelegt, was meine Daten ergeben haben und was aus meiner Sicht aufgrund der Bedarfe, die ich erhoben habe, möglich wäre. Jetzt wirke ich darauf hin, dass wir das nach und nach schaffen.

Was ist aus Ihrer Sicht der größte Bedarf von Alleinerziehenden in Neukölln? Der allergrößte Bedarf ist Kinderbetreuung und zwar in allen möglichen Formen. Es gibt ja sehr, sehr viele unterschiedliche Formen. Es geht damit los, dass nicht alle Eltern einen Kitaplatz finden. Aber es ist natürlich auch so, dass viele Berufstätige Lücken haben zwischen ihrer Berufstätigkeit und den Öffnungszeiten von Kita oder Hort. Also wenn eine Mutter zum Beispiel im Handel arbeitet, dann arbeitet sie vielleicht bis 20 oder 22 Uhr. Dann benötigt sie natürlich irgendeine zuverlässige Person, die auf Dauer das Kind so lange versorgen kann, bis sie mit der Arbeit fertig ist. Die allermeisten Alleinerziehenden in Neukölln sind wie übrigens überall Frauen. Da sind 90 Prozent alleinerziehende Mütter und ungefähr 10 Prozent alleinerziehende Väter.

Diese Art der Kinderbetreuung heißt ergänzende Kinderbetreuung. Da gibt’s auch im Prinzip gesetzliche Möglichkeiten, also man kann das beantragen. Aber das Problem ist, dass keine Betreuerinnen da sind. Es gibt aber auch noch ganz viele andere Situationen, in denen Alleinerziehende eine zusätzliche Kinderbetreuung bräuchten – etwa wenn eine dringende Operation ansteht. Auch für solche Fälle gibt es eine gesetzliche Regelung, da kann man einen Antrag an die Krankenkasse stellen. Aber bis das genehmigt ist, ist es halt manchmal so, dass der akute Notfall schnell wieder vorbei ist. Es ist einfach so, dass der Gesetzgeber an viele Sachen gedacht hat, die wichtig sind und da auch Regelungen geschaffen hat, aber dass die in der Praxis nicht so greifen, wie es eigentlich nötig wäre. Aber mein Anspruch wäre schon auch, dass wir auch eine  Kinderbetreuung hätten,  bei der Alleinerziehende wirklich einfach mal sagen können: Die nächsten zwei oder drei Stunden kann ich mein Kind da hinbringen. Ich weiß, das ist gut versorgt und aufgehoben. Und ich kann in der Zeit wirklich machen, was ich will, ohne dass ich mich rechtfertigen muss.

Vor welchen anderen Problemen stehen Alleinerziehende in Neukölln? Ein weiteres Thema ist, dass wir auch gerne Angebote haben wollen, wo sie sich die Alleinerziehenden treffen können. Diese Treffen sollten begleitet sein und es sollte Kinderbetreuung geben. Dann sollen die Alleinerziehenden entscheiden können, über welches Thema sie sprechen oder wozu sie vielleicht einen kleinen Input haben wollen, etwa zu rechtlichen Fragen. Alleinerziehende sind hier einfach zum Teil recht isoliert. Dann hapert es halt bei ganz, ganz vielen finanziell. Es gibt eine ganz große Lücke bei den Unterhaltszahlungen und dann muss Vorschuss beantragt werden. Aber letztendlich ist es so, dass natürlich für eine alleinstehende Person, die ein oder mehrere Kinder hat – also, wenn sie nicht ein ganz gutes Einkommen hat, das ist die Minderheit in Neukölln – das finanziell immer schwierig ist. Wir haben einen hohen Anteil von Alleinerziehenden, die Hartz IV beziehen.

Wie hat sich die Lage durch die Corona-Pandemie verändert? Durch Corona hat sich die Situation einfach für alle verschärft. Das sieht man. Das betrifft natürlich die ganze Bevölkerung. Aber wenn jemand vorher schon zum Beispiel auch finanziell in einer prekären Situation war, hat sich das noch einmal verstärkt. Wenn etwa die Kinder vorher in der Kita ein Mittagessen bekommen haben, war das im ersten Lockdown ein großes Problem, weil sie mit dem Geld für das zusätzliche Essen nicht mehr hingekommen sind. Dazu kam das Homeschooling, da gerät jeder an die Grenzen. Also wenn ich mir vorstelle, ich muss zuhause meine Arbeit machen und alle zwei Minuten kommt ein Kind und will etwas von mir, und das Kind ist quengelig, weil es ja nicht raus kann, weil es deine Freunde nicht sehen da. Das ist einfach eine ganz, ganz große mentale Belastung. Dann kommen weitere Belastungen dazu. Ja, wie geht’s denn jetzt weiter finanziell? Und da denke ich schon, dass da auch nochmal drüber nachgedacht werden müsste, inwiefern von staatlicher Seite Familien, speziell auch jene, die in prekären finanziellen Verhältnissen leben müssen, besser unterstützt werden können. Da potenzieren sich die verschiedenen Belastungen, auch weil zum Teil Beratungsangebote nicht im üblichen Rahmen stattfinden.

Das bedeutet, die Alleinerziehenden rufen bei Ihnen an und Sie vermitteln sie dann weiter an Angebote? Genau, viele rufen an und erst einmal höre ich nur zu. Ich habe auch den Eindruck, dass es wichtig ist, dass da einfach mal jemand zuhört und die Menschen das Gefühl haben, dass man nachvollziehen kann, in welcher belastenden Situation sie sich befinden. Wenn ich selber beraten kann, mache ich das natürlich. Ansonsten verweise ich auf die Angebote in Neukölln, wer was in welcher Form bietet, und versuche weiter zu vermitteln. Es gibt in Neukölln sehr viele sehr gute Angebote für Familien, Frauen und Jugendliche. Mittlerweile haben viele auch einen Fokus auf Alleinerziehende mit aufgenommen. Aber man muss halt wissen, welche das sind. Und manche haben auch keinen Internetanschluss, weil sie einfach sparen, wo sie können.

Weitere Informationen für Alleinerziehende und zur Arbeit der Koordinierungsstelle gibt es hier.

Foto: privat

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.