Nachbarschaft

Veröffentlicht am 10.02.2021 von Madlen Haarbach

Matthias Herrmann ist erster Vorsitzender der Rudergesellschaft Wiking, die in diesem Jahr ihr 125. Jubiläum feiert.

Der Verein sei gleich in mehrerer Sicht atypisch – und vielleicht gerade deswegen so lange erfolgreich, erzählt Herrmann am Telefon. Einerseits widme sich der Verein explizit dem Rennrudern, anders als viele andere, bei denen im typischen Familienverein etwa auch Langstrecken und Wasserwandertouren im Fokus stehen. Andererseits ist der Verein laut Satzung ein reiner Männerverein, „auch wenn wir das in der Vergangenheit immer nicht sonderlich streng gesehen und talentierte Mädels immer mittrainieren lassen“, sagt Matthias Herrmann.

Nach Neukölln kam der Verein erst 1950: Damals waren die „Wikinger“ quasi heimatlos geworden und der damalige Neuköllner Bürgermeister Kurt Exner holte sie in den Bezirk. Kurz zuvor musste der Verein das historische Bootshaus in Niederschöneweide verlassen, das wie durch ein Wunder den Zweiten Weltkrieg überdauert hatte. Dann beschloss allerdings die russische Militäradministration, dass alle Vereine ihre Tätigkeit einstellen müssten. Während es mit der Wiedergründung in den Westsektoren nach der Berliner Teilung keine Probleme gegeben habe, sei das in den Ostbezirken quasi unmöglich gewesen, erzählt Matthias Herrmann. Also zog der Verein nach Neukölln, auf ein Schulgartengelände am Britzer Hafen. Das frühere Bootshaus ging später an die Schauspielschule „Ernst Busch“, nach einem Rechtsstreit nach der Wende wurde die RG Wiking für den Verlust entschädigt.

Dass es keinen Weg zurück nach Schöneweide geben würde, war für die Wikinger auch spätestens mit dem Bau der Mauer klar. Also richtete sich der Verein am Britzer Hafen ein, baute das rudimentäre, eher provisorisch gedachte Bootshaus mehrfach um. Dennoch sei der Verein, auch mit den knappen Mitteln, relativ erfolgreich gewesen. Gleichzeitig ermöglichte die Grenznähe durchaus gute Trainingsbedingungen:  Der Teltowkanal habe auf rund sechs Kilometern vollständig zu West-Berlin gehört (siehe auch „Kiezkamera“ weiter unten). Gleichzeitig habe das angrenzende Kraftwerk durch die Abwärme dafür gesorgt, dass das Wasser auch bei eisigen Temperaturen befahrbar war – und die Grenzbeleuchtung auch abendliches Training ermöglicht. „Das war ideal für ein Leistungstraining“, sagt Matthias Herrmann.

Außergewöhnlich sei auch die Zusammensetzung des Vereins: Während viele traditionelle Rudervereine der Westbezirke eher gutbürgerliche Mitglieder hatten und haben, ruderten und rudern bei den Wikingern auch viele Neuköllner. „Das Bürgertum war eher am Wannsee anzutreffen, bei den Wikingern waren auch normale, einfache Leute dabei. Das macht eben diese Neuköllner Mischung“ –was sich allerdings auch auf die Finanzen des Vereins auswirke, sagt Matthias Herrmann. Dennoch sei gerade der sportliche Gedanke bei den Wikingern herausragend. Deswegen wechselte auch Herrmann selbst, der in den 1980ern Trainer beim Ruderclub in Spandau war, nach Neukölln. „Die Wikinger hatten damals nicht viel, aber sie besaßen eine sportliche Einstellung: eine vielleicht ein klein bisschen altmodische, aber doch sehr ehrenhafte, kameradschaftliche Einstellung. Das hat mich immer schon angezogen“, sagt er. Gleichzeitig habe die Bezirkspolitik den Verein auch immer stark unterstützt.

Bereits seit 1962, also fast direkt nach dem Mauerbau, veranstalten die Wikinger eine Sternfahrt, für die die anderen West-Berliner Vereine über Havel und Kanäle herbeiruderten. Mittlerweile kommen die Teilnehmer:innen aus ganz Berlin, zum Teil auch aus dem übrigen Bundesgebiet und dem Ausland. 2003 nahmen die Wikinger auch die alte Tradition der „Silbernen Riemen“ wieder auf, ein Langstreckenrennen, das es seit 1892 bis in die 1940er Jahre gab.

Zwischenzeitlich mussten die Wikinger auch innerhalb Neuköllns noch einmal umziehen und 1999 der Autobahnbaustelle weichen. 2008 konnten sie ihr jetziges Grundstück kaufen, unter anderem dank der Entschädigung für das ursprüngliche Bootshaus in Niederschöneweide. Das neue Bootshaus ist bald abbezahlt. „Da sind wir schon ein bisschen stolz drauf“, sagt Matthias Herrmann. Besonders stolz ist der Verein aber auch darauf, dass die Mitgliederzahlen wachsen – sogar während der Corona-Pandemie. Aktuell zählt der Verein 260 Mitglieder, dazu kommen aber noch weitere Menschen, die das Gelände zum Trainieren nutzen. So rudern auch umliegende Firmen bei den Wikingern.

Die für den Jahresbeginn geplante Feier zum 125. Jubiläum musste dann aber vorerst ausfallen. Stattdessen gab es, wie bereits berichtet, eine digitale Feier. Das Video zum Jahrestag können Sie sich weiterhin auf Youtube ansehen. Die eigentliche Feier soll dann, wenn die Pandemie es erlaubt, nachgeholt werden. – Foto: RG Wiking

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.