Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.06.2021 von Carlotta Cölln

Von irgendwoher kommt Jazz-Musik. Es riecht nach Keller, Farbe und irgendwie auch orientalisch-würzig. Es summt förmlich im Keller der Berliner KINDL Brauerei. Hier haben sich die drei Künstler:innen Claire, Martin und Saba auf 1200 Quadratmetern ein Paradies für alles, was mit Kunst zu tun hat, geschaffen. Es ist ein wilder Mix aus Objekten, Collagen, Performance, Musik – alles scheint zusammenzugehören und in Bewegung zu sein. Die drei Gründer:innen des Künstlerkollektivs Artistania haben damit einen Ort für Veranstaltungen, Proben und Austausch geschaffen. Hauptsächlich nutzen sie die Räume als Atelier. Unter dem Motto „This is Not a Gallery!“ ist der Keller zum Ausstellungsraum geworden.

Nur eben nicht ganz – man beachte das Motto. „Kunst ist hier gar nicht das endgültige Ziel, sondern auch ein Mittel – eine Sprache“ erklärt Martin Durcreau, während er neben einer riesigen, beweglichen Marionette steht, die an ein mythologische Mischung aus Vogel und Dinosaurier erinnert. „Wir wollen mithilfe unserer Kunst Menschen verbinden, kommunizieren: das ist eine Form von Aktivismus“, fügt Claire hinzu.

Der gebürtige Franzose hat mit Streetart angefangen: von Paris bis Ecuador. Die Liebe zur Wandgestaltung bleibt. Seine Graffiti verwandelt er mithilfe von Animationen, Licht, Live-Musik und Performance zu einem den Raum füllenden Kunstwerk. Die Räume wirken wie ein atmendes Lebewesen: Stück für Stück wachsen die Ausstellungsräume und Ateliers. Anfangs waren die Keller gar nicht nutzbar. Deswegen arbeiten die drei mit rollbaren Tischen, um mobil Kunst machen zu können. Um die ganze Wucht der Räumlichkeiten und auch die Kunst begreifbar zu machen, planen die Künstler:innen Führungen, bei denen sie die Besucher:innen herumführen, sich dabei verkleiden und manche Kunstwerke zum Leben erwecken. Eine Führung soll wie eine Reise sein — und eine Geschichte erzählen.

Sich satt sehen ist kaum möglich. Stundenlang könnte man die Geschichten der teils bizarr anmutenden Objekte erforschen. Claire Chaulet hat zum Beispiel aus Werbung, wie wir sie von S-Bahnhöfen oder unter Brücken kennen, Collagen geschaffen. so entstehen aus Lieferando-Werbung Gesichter von Frauen, die die Weltgeschichte bewegt haben. Chaulet beschäftigt sich mit vielen Bereichen der Kunst, von Malerei bis Theater. Vor allem geht es bei ihr um interkulturelle Teilhabe, Kommunikation und Emanzipation. Auch sie stammt ursprünglich aus Frankreich, wohnt aber schon seit mehr als zehn Jahren in Neukölln. So lernte sie auch den drittem Künstler von Artistania kennen: nämlich als Mitbewohner, den es aus Georgien nach Berlin führte.

Saba Tsereteli ist der dritte im Bunde. Mit seiner Kunst wendet er sich aktuellen und komplexen Themen zu und möchte sie sichtbarer und begreifbarer machen. Er bedient sich verschiedener Materialien und Bastelein. Seine Augen leuchten, als er von einem seiner Projekte erzählt: Er baut riesige Puppen und Marionetten, manchmal auch zusammen mit Claire. Die Puppen können bewegt werden und sind zum Beispiel Teil von Straßenfesten.

Letzten Samstag haben die Puppen auch tatsächlich Tageslicht gesehen: auf dem Karneval der Zukunft, welchen sie als Künstlerkollektiv Artistania initiierten. Zusammen mit 30 weiteren Verbänden, Tanz, Kostümen und Musik, wollten sie auf eine andere Art auf Umweltaktivismus aufmerksam machen und neue Berührungspunkte schaffen. – Foto: Joseph D. Tremball

  • Wer Lust hat sich in der bunten Kunstwelt zu verlieren, kann die Ausstellung ab dem 26. Juni besuchen. Das geht über online buchbare Führungen.

 

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