Nachbarschaft

Veröffentlicht am 28.07.2021 von Madlen Haarbach

Wer wird der oder die neue Bezirksbürgermeister:in? Wir stellen den vier aussichtsreichsten Kandidat:innen die gleichen fünf Fragen. Diese Woche: Jochen Biedermann (Grüne), derzeit Stadtrat für Stadtentwicklung, Soziales und Bürgerdienste.

Was ist Ihre erste Erinnerung an Politik? Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat mich politisiert. Ich kam als Sechsjähriger vom Spielplatz durch den Regen nach Hause gelaufen und fand meine Mutter in heller Aufregung, weil die radioaktive Wolke über uns gezogen war. Das hat mich verängstigt, aber auch wütend gemacht, wie „die Erwachsenen“ mit unserer Erde umgehen. Ich hab mir vorgenommen, daran was zu ändern.

Warum Neukölln? Im Studium bin ich 2001 nach Neukölln gezogen, weil ich mir die Miete leisten konnte und trotzdem was los war. Seinerzeit wurde ich dafür oft schräg angeschaut, Neukölln hatte einen schlechten Ruf. Das hat meine Identifikation aber eher gestärkt. Neukölln ist rauer und unmittelbarer als andere Bezirke, aber auch ehrlicher, vielfältiger und herzlicher. Längst ist Neukölln mein Zuhause, ich hab hier Freunde, mein Kind wächst hier auf. Ich sehe jeden Tag, was zu tun ist. Mein Herz schlägt für diesen besonderen Bezirk – wo also sonst sollte ich Politik machen?

Was ist Ihr wichtigstes politisches Projekt? Den Mietenwahnsinn stoppen. Die Angst um die Wohnung nimmt Menschen den Schlaf und macht manche regelrecht krank. Ich will weiter alles dafür geben, dass sich auch Menschen mit wenig Geld Neukölln leisten können. Da habe ich viel erreicht in den letzten fünf Jahren, aber da ist noch viel zu tun. Ich will mindestens die Hälfte der Mietwohnungen in gemeinwohlorientierten Händen. Also im Eigentum derer, die für dauerhaft bezahlbare Mieten stehen. Es geht bei der Frage, wer sich hier noch eine Wohnung leisten kann, auch um die Identität des Bezirks und um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das regelt nicht der Markt, dafür muss Politik klug, entschlossen und mutig handeln.

Wo trifft man Sie, wenn Sie gerade nicht im Dienst sind? Überall im Bezirk. Auf dem Tempelhofer Feld, mit meinem Kind im Britzer Garten oder im Freibad. Beim Einkaufen auf dem Markt – und hoffentlich bald mal wieder in der Neuköllner Oper. Wobei ich auch unterwegs oft angesprochen werde und somit meist ein wenig im Dienst bin.

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag als neuer Bürgermeister? Die Dienstlimousine abschaffen. Mein Fahrrad, die BVG und ab und an ein Taxi oder Leihauto reichen mir. So bin ich bisher auch unterwegs und bekomme hautnah mit, was sich in der Verkehrspolitik ändern muss. Und dann mache ich mich wieder daran, zusammen mit den Kolleg*innen im Bezirksamt funktionierende Lösungen für Neukölln zu entwickeln: Von sozialer Stadtentwicklung und Verkehrswende über Klimaschutz und Stadtnatur bis zu sauberen Schulen und dem Kampf gegen Rechtsextremismus.

Wer einen Vorschlag hat, welcher Mensch hier unbedingt vorgestellt gehört: Gerne mailen an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.