Nachbarschaft
Veröffentlicht am 28.02.2024 von Masha Slawinski
„Unabhängige Klimarecherchen“. Das machen die Journalist:innen Inga Dreyer und David Schmidt. Sie wohnen in Neukölln und haben schon zwei lange Reisen hinter sich: 2022 haben sie in Ecuador zu Naturrechten recherchiert, 2023 waren sie in Alaska. Dort wollten sie die indigenen Bewohner:innen des North Slopes im Norden Alaskas treffen und von ihnen erfahren, wie das Ölförder-Projekt Willow ihr Leben und ihre Umwelt beeinflusst.
Über das Willow-Projekt wurde schon vor eurer Reise viel berichtet. Warum wolltet ihr trotzdem nach Alaska?
David Schmidt: Es stimmt, dass in Deutschland viel über das Willow-Projekt berichtet wurde, aber Reportagen von Journalist:innen, die sich vor Ort ein Bild machen konnten, gibt es nur wenige. Dabei zeigen sich die Folgen der Klimakrise in Alaska schon heute besonders deutlich. Die Arktis erhitzt sich viermal so schnell wie der Rest des Planeten – das hat für das sensible Ökosystem und die vorwiegend indigene Bevölkerung im hohen Norden gravierende Folgen. Wir finden es wichtig, diesen Menschen Gehör zu verschaffen. Darüber hinaus wollten wir die leidvolle Geschichte der Ureinwohner:innen Alaskas besser verstehen lernen.
Wie lief die Suche nach Gesprächspartner:innen? Haben euch manche von ihnen besonders überrascht?
Inga Dreyer: Anfangs war es schwierig, weil gerade in indigenen Gemeinden Menschen teilweise aus guten Gründen skeptisch gegenüber Leuten sind, die von außen kommen. Manche haben konkret schlechte Erfahrungen mit Journalist:innen oder Wissenschaftler:innen gemacht. Und natürlich spielen die Erfahrungen mit dem Kolonialismus, mit Rassismus und Benachteiligung eine Rolle. Trotzdem haben wir mit der Zeit Interviewpartner:innen gefunden, die uns Einblicke in ihre Ideen- und Gefühlswelt gegeben haben. Besonders beeindruckt und überrascht haben uns einige junge indigene Frauen, die sich mit den Traditionen ihrer Vorfahren und vererbten Traumata beschäftigen. Sie machen schwierige und schmerzhafte Prozesse durch und sind gleichzeitig unglaublich offen, herzlich und inspirierend.
Neukölln-Ecuador-Neukölln-Alaska, dafür seid ihr mehrere 10.000 Kilometer gereist. Widerspricht das nicht ein wenig dem Klimaschutz?
David Schmidt: Darüber haben wir uns oft die Köpfe zerbrochen: Lassen sich solche Reisen dadurch rechtfertigen, dass wir keine Urlauber:innen sind, sondern Geschichten einsammeln, die wir dann in Deutschland erzählen? Die Klimakrise ist schließlich global und Deutschlands historische Mitschuld daran größer als die der meisten anderen Länder. Wir glauben, dass Empathie ein wichtiges Mittel ist, um das besser verstehen zu lernen und die Akzeptanz von Klimaschutzmaßnahmen in der Bevölkerung zu erhöhen. Und dass man das vielleicht dadurch erreicht, dass man mit den besonders von der Klimakrise betroffenen Menschen in den Kontakt kommt. Trotzdem: Entkommen können wir diesem Widerspruch nicht.
Denkt ihr, dass ihr mit euren Geschichten etwas verändern könnt?
Inga Dreyer: Gute Frage. Wenn wir nicht zumindest hoffen würden, dass Journalismus etwas bewirken kann, würden wir es nicht machen. Aber natürlich müssen wir realistisch sein und uns immer wieder selbst hinterfragen: Sind längere Reportagen in Zeitungen noch das, womit wir Menschen erreichen? Oder sollten wir nicht noch viel mehr auf andere Formate setzen? Wenn Leute unsere Texte und Social-Media-Beiträge lesen und danach sagen, dass sie darin neue Informationen oder Blickwinkel entdeckt haben, ist das für uns eine Ermutigung. Dinge zu wissen und darüber nachzudenken, ist auf jeden Fall wichtig und eine Voraussetzung dafür, ins Handeln zu kommen. Was natürlich nicht bedeutet, dass das auch passiert.
- Foto: David Schmidt und Inga Dreyer. Es zeigt die beiden am Dalton Highway, kurz vor der Grenze zum Arktischen Zirkel. „Der Dalton ist die einzige Straße, über die man bis in den North Slope gelangt“, erklärt David Schmidt.
- Auf Instagram findet ihr die beiden unter @requiemforatree, ihr Linktree mit Artikeln ist hier zu finden.
- Transparenzhinweis: Ich bin mit beiden Journalist:innen befreundet und mit dem Gedanken an Neukölln ist mir ihre Alaska-Recherche sofort eingefallen. Mit Inga Dreyer habe ich auch schon für den Tagesspiegel zusammengearbeitet. Während der Pandemie hatten wir mit Jugendlichen auf vier Kontinenten über ihre Ängste und Wünsche im Lockdown gesprochen (T+).