Intro

von Christian Hönicke

Veröffentlicht am 15.11.2018

ist Weißensee eine „No-Go-Area“ für Menschen mit dunkler Hautfarbe? Das sagte Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng in dem nach ihm benannten Magazin „Boa“. Es gebe Orte in Deutschland, in die er seine beiden siebenjährigen Töchter nicht zur Klassenfahrt schicken würde. Als Beispiele nannte der Weltmeister von 2014 Marzahn und den Pankower Stadtteil Weißensee, „mit anderer Hautfarbe hast du da immer etwas zu befürchten“.

Aus Pankow kommt Widerspruch. Bürgermeister Sören Benn (Linke) findet es richtig, Rassismus zu thematisieren und zu bekämpfen. Es sei aber falsch, dies an einzelnen Ortsteilen festzumachen. „Es ist nicht an mir, die Abwägungen von Jérôme Boateng in seiner Rolle als Vater zu kommentieren.“ Er wisse auch nicht, wie es ist, sich als Nichtweißer in Berlin zu bewegen, so Benn. „Ich glaube aber, dass auch in Weißensee die große Mehrheit der Bevölkerung aus aufgeklärten und weltoffenen Menschen besteht, die sich von solch pauschalen Zuschreibungen nicht zutreffend beschrieben sehen.“

Das räumt auch Boateng ein. Dass es in Weißensee und Marzahn „nicht nur so zugeht und dort auch andere Leute wohnen und arbeiten, ist mir auch klar“, sagte er der „B.Z.“. „Aber ich weiß auch, dass das immer noch vorhanden ist.“ Er spreche von seinen eigenen Erfahrungen, er habe in Weißensee und Marzahn „natürlich auch als Jugendlicher und Kind gespielt und da sind mir Sachen passiert, die nicht schön waren und die einen rassistischen Hintergrund hatten“. Ähnliches höre er noch immer von Freunden oder Bekannten. Boateng will aber der Einladung eines Marzahner Fußballtrainers folgen und den Bezirk besuchen, „vielleicht versteht er dann auch, wie ich das meinte“.

Auch aus Weißensee hat der Bayern-Spieler eine Einladung erhalten, von der SPD-Politikerin Clara West. Sie sagt, ihr Stadtteil sei keine „No-Go-Area“, „damit würde man Weißensee Unrecht tun“. Sie bedaure, dass Boateng offenbar schlechte Erfahrungen machen musste, so die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus: „Darüber möchte ich auch nicht urteilen. Allerdings würde ich ihn umgekehrt fragen, wann er denn das letzte Mal hier war. Ich erlebe Weißensee als einen toleranten Stadtteil, in dem man anständig miteinander umgeht.“

Weißensee habe sich in den letzten Jahren stark verändert, so West. „Ich kann ihn nur herzlich einladen, sich das selbst anzusehen. Hier ist es gar nicht so unbunt, es leben viele Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarben hier.“

Sie wolle nicht bestreiten, dass es in Weißensee weiter Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gebe, sagt West. Dies sei im Nordosten Berlins ein Problem. Statistisch gebe es im Bezirk Pankow mehr rechte Übergriffe als in Lichtenberg oder Marzahn-Hellersdorf.  „Aber ,No-Go-Area‘ würde ja bedeuten, dass es mehrheitlich akzeptiert ist, dass hier Leute anderer Hautfarbe beschimpft werden. Nach meiner Beobachtung gibt es ein solches Klima nicht.“ Als vor ein paar Jahren die NPD in Weißensee aufmarschieren wollte, seien die Straßen im Gegenteil voll mit Gegendemonstranten gewesen.

Allerdings reiche „eine kleine rassistisch agierende Minderheit“ bereits aus, um Angst auszulösen, so Bürgermeister Benn, „so dass davon Betroffene gern darauf verzichten, sich oder ihre Kinder dieser Gefahr ohne Not auszusetzen. Darum gilt es, Rassismus in jeder Form immer und überall offensiv entgegen zu treten, um ,No-Go-Areas‘ für Rassisten zu schaffen.“

In diesem Sinne würden wir gern wissen: Gibt es (gute, schlechte) Erfahrungen von Newsletter-Lesern jedweder Hautfarbe in Weißensee oder anderen Stadtteilen? Dann schreiben Sie uns doch.

Christian Hönicke ist Pankower. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail an leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de.