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von Christian Hönicke

Veröffentlicht am 07.11.2019

Rudolf Dörrier soll aus Berlin-Pankow verschwinden. Zumindest als Namensgeber der nach ihm benannten Grundschule in der Rosenthaler Kastanienallee. Nach der Schulleitung und der Lehrerkonferenz hat auch die Gesamtelternvertretung (GEV) der Schule einstimmig dafür votiert, die Benennung nach dem früheren SS-Mann rückgängig zu machen. „Nach einem durchaus mühsamen Prozess sprechen sich nun alle für eine Umbenennung aus“, sagt Sarah Neumeyer. Sie hatte vergangenes Jahr als Mutter eines Schulkindes die Diskussion um die Namensgebung ins Rollen gebracht.

Dörrier war in Pankow höchst anerkannt – unter anderem als langjähriger Leiter der Bezirksbibliotheken und Gründer der „Chronik Pankow“, aus der das heutige Museum Pankow hervorging. Er erhielt dafür zu DDR-Zeiten die „Johannes-R.-Becher“-Medaille in Gold, nach der Wende das Bundesverdienstkreuz und die „Ehrenmedaille für Verdienste um den Bezirk Pan­kow“.

Zwei Jahre nach seinem Tod wurde 2004 die Rosenthaler Grundschule nach ihm benannt. Dörrier hatte sich stets als Antifaschist inszeniert, doch der Historiker Harry Waibel fand 2017 heraus, dass er tatsächlich ab 1944 als SS-Unterscharführer im Konzentrationslager Sachsenhausen tätig war.

Neumeyer entdeckte Waibels Artikel 2018 zufällig und informierte die Gesamtelternvertretung, den Förderverein und die Schulleitung. Im Anschluss gründete Neumeyer eine Arbeitsgemeinschaft, die relevante Unterlagen zum Fall sammelte. Involviert war auch das Museum Pankow und dessen heutiger Leiter Bernt Roder. In einem bislang unerschlossenen Nachlass im Bundesarchiv fand er ein Selbstzeugnis Dörriers von 1946, in dem er relativ detailliert über seine Zeit als SS-Mann in Sachsenhausen berichtet, die er ansonsten stets verheimlich hatte.

Die Unterlagen stellte die AG allen drei Instanzen der Schulkonferenz zur Verfügung. Die Schulleitung war laut Neumeyer schon früh für eine Umbenennung, dann votierte die Lehrerkonferenz genauso und schließlich vor zwei Wochen die Gesamtelternvertretung. Dieses Meinungsbild soll nun auf der Schulkonferenz formal bestätigt werden, die am heutigen Donnerstagabend stattfindet. Allerdings kann ein offizieller Umbenennungsbeschluss erst erfolgen, wenn der Prozess zur Findung eines neuen Namens durchgeführt wurde. Denn eine Schule darf nicht namenlos sein.

Die Frage wird zudem sein, wie Bezirk und Bund mit der Causa Dörrier umgehen. Er wurde 2002 auf dem Ehrenhain des Friedhofs 3 beigesetzt und seitdem mit einer Gedenktafel im öffentlichen Raum als „verdienstvoller Gründer und Leiter der Stadtbezirks-Chronik von Pankow“ geehrt. Sie befindet sich an seinem ehemaligen Wohnhaus in der Hiddenseestraße. Unklar ist zudem, wie mit dem an ihn verliehenen Bundesverdienstkreuz umgegangen wird. Eine Anfrage des Tagesspiegel an das Bundespräsidialamt blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. – Text: Christian Hönicke
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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
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Zum Autor: Christian Hönicke ist Pankower. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail an leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de.

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