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von Christian Hönicke

Veröffentlicht am 28.11.2019

Die Panke wird umgebaut. Ab 2021 soll sie nun tatsächlich „renaturiert“ werden, teilte die Senatsumweltverwaltung auf Anfrage mit. Dann sei „die Umsetzung erster konkreter Baumaßnahmen zu erwarten“. Den Plan gibt es schon seit 2003, der entsprechende Planfeststellungsbeschluss ist soeben gefasst worden. Das heißt, nun können Baumaßnahmen auch ausgeschrieben werden. Die Gesamtkosten betragen rund 28 Millionen Euro.

Die Panke ist das drittlängste Fließgewässer auf Berliner Stadtgebiet, nach Spree und Havel. 18 der insgesamt 27 Kilometer des Bachs verlaufen durch Berlin, wiederum drei Viertel davon allein durch Pankow. Durch den Umbau soll die Panke knapp zwei Kilometer länger und „naturnaher“ werden. Doch das bringt auch Probleme mit sich.

Warum soll die Panke umgestaltet werden? Der Umbau ist schon länger geplant, im Rahmen des EU-Pilotprojektes „Panke 2015“. Hintergrund ist die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) zur Verbesserung des ökologischen Zustands von Gewässern. Das trifft prinzipiell auf alle Berliner Gewässer zu. Das Land entschied, zunächst die kleine, aber bekannte Panke als „Pilotprojekt“ anzugehen.

Was ist genau geplant? Einerseits soll der ursprüngliche, geschwungene Verlauf nachgebildet werden. Die Panke schlängelte sich einst von Bernau bis zur Spree am Schiffbauerdamm. Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts wurde sie zunehmend begradigt, kanalisiert, durch Rohre geleitet und mündet heute in den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal am Nordhafen. Industrieabwässer verschmutzten sie zudem stark, seit 1926 besteht Badeverbot. Durch den Umbau soll die Panke um knapp zwei Kilometer länger und die Passierbarkeit für Fische erhöht werden. Hindernisse in der Panke und feste Uferbauten sollen entfernt werden, stattdessen sollen flache Auen entstehen, die Lebensräume für Tiere und Pflanzen bieten. Manche Brücken werden abgerissen oder mit „naturnahen“ Materialien neu gebaut.

Was sind die Probleme? Seit 2003 wird über die Pläne kontrovers diskutiert.  Besonders im großstädtisch geprägten Gebiet vom Schlosspark Schönhausen bis zur Mündung ist das mit der „Renaturierung“ nicht so einfach. Ein Kritikpunkt ist die hohe Zahl der zu fällenden Bäume. Ursprünglich sollten 1200 Bäume weichen, nach dem neuesten Stand sind es noch 878. Mehr als die Hälfte muss in Waldstücken zwischen Blankenburg und Karow abgeholzt werden. „Es ist ein Zielkonflikt, dass für ein ökologisch sinnvolles Vorhaben wie die Renaturierung der Panke Bäume gefällt und neu gepflanzt werden müssen“, teilt die Senatsumweltverwaltung mit. Für den Naturschutzbund Nabu überwiegen dennoch die positiven Aspekte des Vorhabens. Ein anderer Konflikt war, dass manche Uferbereiche in Privathand sind. Enteignungen würden nun aber vermieden, teilt die Senatsverwaltung mit.

Wo sind die heikelsten Stellen? Es gibt drei, zwei davon liegen in Pankow: der Bürgerpark und der Schlosspark Schönhausen. Dort müssten die Grünanlagen für den geschwungeneren Verlauf umgestaltet und ebenfalls Bäume gefällt werden. Das kritisierten Anwohner und das Bezirksamt, die den Erholungswert der Parks gefährdet sahen. Außerdem intervenierte das Landesdenkmalamt, denn beide Parks stehen unter Denkmalschutz. 2016 wurde mit dem damaligen Bezirksamt ein Kompromiss gefunden. Der sah vor, dass beim Bürgerpark immerhin die nördliche Uferseite angefasst werden darf – denn die ist offiziell Teil der Schönholzer Heide. Dort sollen „Uferanpassungen unter Berücksichtigung des bestehenden Baumbestands“ durchgeführt werden. Die Uferabgrenzungen sollen weg, die Panke soll an flachen Böschungen „geschwungener“ geführt werden. Die andere, südliche Uferseite soll nur am Stützpunkt des Straßen- und Grünflächenamts (SGA) umgestaltet werden. Hier soll ein Mäander – eine Pankeschleife mit Inseln in der Flussmitte – angelegt werden. Dazu werden alte Gebäude des SGA bis Ende 2020 abgerissen. Für den zuständigen Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (B’90/Grüne) kein Problem – so könnten Klimaschutz und Naturschutzbelange „ohne Eingriff in den eigentlichen Bürgerpark“ berücksichtigt werden. Westlich des Bürgerparks soll die Panke durch das bisherige Hochwasserbecken umverlegt werden.

Und im Schlosspark? Auch dort soll die Panke „in begrenztem Maß“ geschwungen werden, so der Kompromiss. Zwar sind ein ursprünglich geplanter Mäander und größere Uferumgestaltungen an den Kleingartenanlagen nicht mehr angedacht. Doch es bleibt die Frage, wie die flachen Böschungen „unter weitgehender Berücksichtigung“ der urbanen Belange angelegt werden können, ohne den Erholungswert und den Baumbestand zu beeinträchtigen. Arbeiten in den Parks müssen vom Bezirk per Ausnahmegenehmigung freigegeben werden. „Auf jeden Fall werden wir bei der Bearbeitung möglicher Anträge genau hinschauen“, sagt Kuhn.

Und wo ist die dritte Problemstelle? Das größte Risiko für die neue, alte Panke sehen Experten auf Weddinger Gebiet. Und zwar am Rechenwerk an der Schulzendorfer Straße. Das existiert, weil die Panke an der Chausseestraße die U-Bahn unterqueren muss, durch einen sogenannten „Düker“. Das Rechenwerk ist eine Art Gitter, um dieses Rohr von Baumstämmen freizuhalten und den Müll aus der Panke zu filtern. Wenn der Düker verstopft würde, müsste die ganze U-Bahn aufgerissen werden. Wenn nun das im Zuge der Renaturierung in der Panke ausgelegte „Totholz“, etwa große Baumstämme, dort angespült werden, könnte es größere Überschwemmungen geben.

Wie geht es jetzt weiter? Derzeit wird geprüft, ob im Rahmen der einmonatigen Klagefrist Bedenken gegen das Vorhaben geäußert wurden. Ist das nicht der Fall, ist der Planfeststellungsbeschluss rechtswirksam. Danach müssten „etwa zwei Monate für weitere Auswertungen und Abstimmungen mit allen Planungsbeteiligten veranschlagt werden“, so die Senatsumweltverwaltung. Dann werden die Baumaßnahmen für die ersten Abschnitte ausgeschrieben. Das sind der Teil zwischen Pankemündung und der Schulzendorfer Straße und auf Pankower Gebiet der Abschnitt an der Landesgrenze in Buch bis zum Pankebecken an der Bahnhofstraßenbrücke in Blankenburg.

Wann soll der Umbau fertig sein? Als Baustart ist wie gesagt 2021 anvisiert. Der Rest der Panke werde „über mehrere Jahre schritt- und abschnittsweise“ umgestaltet, so die Senatsverwaltung. Insider gehen von einer Bauzeit bis mindestens 2025 aus.  – Text: Christian Hönicke 

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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
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Christian Hönicke ist Pankower. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail an leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de.

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