Intro

von Christian Hönicke

Veröffentlicht am 18.06.2020

am Sonntag ist Fête de la Musique. Beziehungsweise „Fête de la Haus-Musique“. Weil die Pandemie echte Konzerte bisher nicht möglich macht, ruft die Fête alle dazu auf, an diesem Tag in ihren Wohnzimmern und auf ihren Balkonen Musik zu machen. Auf der Webseite der Fête wird es eine Auswahl an Livestreams geben von unterschiedlichen Orten in ganz Berlin (siehe Tipp und Kultur).

Zentrale Bühne der diesjährigen Fête ist also ihre Website. Am Sonntag soll da einiges los sein, um 17 Uhr soll dort auch ein „berlinweites Singalong“ mit vielen Liedern gestartet werden. Darunter die „Ode an die Freude“, „Bella Ciao“, „Junimond“ von Rio Reiser, „Wonderwall“ von Oasis und „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen. Jeder kann mitsingen – gemeinsam „vor dem Screen“, von den Balkonen, Dachterrassen oder in den Wohnzimmern.

Doch so sehr es alle Beteiligten auch versuchen: Kunst am Bildschirm kann die Faszination eines echten Konzerts, eines Theaterstücks oder einer Oper natürlich nicht ersetzen. Kultur ist Emotion und Interaktion, dafür braucht es andere Menschen. Und weil die KünstlerInnen Applaus (und Ticketerlöse) zum Überleben brauchen, hat Pankows Bürgermeister Sören Benn (Linke) nun gemeinsam mit anderen Amtskollegen und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) einen Vorstoß gewagt. Berlin soll öffentliche Frei- und Grünflächen, Straßen und Plätze ab sofort für Open-Air-Veranstaltungen zur Verfügung stellen. Dort sollen Konzerte und Aufführungen bis Ende September „unbürokratisch“ genehmigt werden. Wir haben ihn mal gefragt, wie er sich das vorstellt.

Herr Benn, unsere Kieze, Plätze und Parks sollen zur Alternativ-Kulturbühne in Corona-Zeiten werden. Warum? Ganz einfach: Drinnen kann ein großer Teil der Kultur wie Musik, Theater, Tanz, Lesungen derzeit nicht oder kaum stattfinden. Viele KünstlerInnen leiden nicht nur unter dem Einnahmeausfall, sondern auch daran, nicht arbeiten zu können. Dazu gehört das Publikum. Darum wollen wir draußen mehr und einfacher Raum schaffen, als das in normalen Zeiten üblich ist.

Haben Sie für solche Draußen-Events schon Anfragen von KünstlerInnen erhalten? Ja. Konkrete Anfragen gab es zum Beispiel für den Pavillon im Bürgerpark, Bürgersteigkonzerte im Florakiez, Spielplätze und das Gelände um die WABE herum. Auf unserer neuen „Draußenstadt“-Website möchten wir sämtliche kulturelle Freiluftveranstaltungen ankündigen. Also auch jene, die nicht auf bezirklichem Gelände stattfinden oder mobil und daher genehmigungslos unterwegs sind. Ich denke da an Biergartenkonzerte, Hinterhofperformances, künstlerische Stadtführungen, Audiowalks. Das wird chronologisch aufgelistet, so dass man hoffentlich alsbald einen breiten Überblick hat, wann wo was draußen stattfindet.

Und welche öffentlichen Plätze oder Parks im Bezirk sind aus Ihrer Sicht am besten für Draußenkunst geeignet? Das Straßen- und Grünflächenamt (SGA) hat auf meine Anfrage hin keine konkreten Plätze benannt. Am einfachsten mit der Genehmigung ist es an Plätzen, die bereits für Veranstaltungen oder Märkte genutzt wurden. Mir scheinen da nicht alle optimal, weil viel Verkehr drumrum ist, aber denkbar wären der Caligariplatz, der Antonplatz, der Dorfanger an der Breiten Straße, eventuell auch der Kollwitzplatz oder der Platz vorm Thälmann-Denkmal.

Das SGA möchte ja Pankower Grünflächen nicht mehr für „kommerzielle Feste“ hergeben, weil es um die Vegetation fürchtet. Müsste diese Linie dann geändert werden?  Grundsätzlich ist das SGA bereit, viel möglich zu machen. Die Genehmigung auf Rasenflächen bleibt schwierig. Eine Anfrage von KünstlerInnen diesbezüglich kam aber auch noch nicht. Das SGA möchte, dass vor allem befestigte Plätze genutzt werden, auch in Parks. Also eher Wege, Weggabelungen, Spielplätze oder Bouleplätze.

Könnten laute Konzerte mitten im Kiez nicht eher kontraproduktiv für die Kultursparte sein? Oder glauben Sie, dass die Nachbarn sich über ein bisschen Kultur freuen? Wo gesungen wird, da fallen Töne. Da es sich zumeist ja eher um kleinere Aktionen handelt, ohne große Bühnenaufbauten, sehe ich keinen großen Ärger. Je größer der Aufwand, desto höher die Kosten.

Wie soll dann gerade auf Plätzen und Freiflächen die Ausschank- oder Toilettensituation geregelt werden? Auch hier: Bislang sind keine derart großen Veranstaltungen auf öffentlichem Gelände geplant, die so etwas nötig machen. Falls doch, hätten die VeranstalterInnen hierfür Sorge zu tragen. – Text: Christian Hönicke

+++ Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

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