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von Christian Hönicke

Veröffentlicht am 03.09.2020

Pankow will das ehemalige Kino Colosseum als Kulturstandort erhalten. Gleich zwei entsprechende Anträge beschlossen die Bezirksverordneten am Mittwoch auf ihrer Versammlung. Grüne und Linke präferieren einen Kino-Standort, der gemeinsame Antrag von SPD und CDU sieht eine Art „Innovationscampus“ mit kultureller Nutzung vor. Konkret soll dabei die „Schaffung von notwendigen Büro- und Gewerbeflächen für beispielsweise Gründer*innen und Technologieunternehmen“ als „sinnvolle Weiterentwicklung des Areals und Ergänzung des Kulturstandortes“ geprüft werden. Die Schaffung von „großflächigen Kongressräumen“ lehnt die Pankower BVV dort in jedem Fall geschlossen ab.

Die beiden Beschlüsse haben zwar lediglich Appellcharakter. So soll auch die Senatskulturverwaltung ins Boot geholt werden, um mit den Eigentümern zu verhandeln. Sie dokumentierten aber auch die Spaltung der rot-rot-grünen Zählgemeinschaft, die später an der Causa Jahn-Sportpark offen zutage trat (siehe Sport). Insbesondere das Vorgehen der SPD rief bei Grünen und Linken große Verärgerung hervor. Sie stimmte dem von der CDU eingebrachten Missbilligungsantrag gegen den grünen Baustadtrat Vollrad Kuhn zu.

Es war der zweite Missbilligungsantrag gegen Kuhn, für den ersten wegen „Arbeitsverweigerung“ im vorigen Jahr gab es keine Mehrheit. Das war diesmal anders. Es gebe in seinem Amt speziell in Kommunikationsfragen „eine Vielzahl an Problemen und Vorfällen“, kritisierte SPD-Fraktionschef Roland Schröder.

In einer Aktuellen Stunde befragten die Verordneten Kuhn dazu, warum er und die Öffentlichkeit erst im Juni 2020 vom geplanten Umbau des Traditionskinos zu einem Bürokomplex erfuhren. In seinem Amt war der Vorgang nachweislich seit März 2019 bekannt. Kuhn blieb bei seiner Erklärung, es habe sich um ein Versehen seiner Mitarbeiter gehandelt.

Das wollte insbesondere die SPD nicht gelten lassen. Fraktionschef Schröder verglich Kuhn mit dessen grünen Amtsvorgänger Jens-Holger Kirchner: „Die gleichen Mitarbeiter, die bei Herrn Kirchner noch gewissenhaft arbeiten konnten, können das jetzt nicht mehr. Das Defizit liegt in der politischen Führung.“

Auch die Linken sehen hier „eine absolut unglaubliche Form der Nichtinformation“. Fraktionschef Matthias Zarbock registrierte bei Kuhn auch weiterhin „Ausweichmanöver, statt klar und deutlich Verantwortung zu übernehmen“. Die Missbilligung sei jedoch nur billiger „Theaterdonner“. Da wolle er nicht mitmachen.

Die Grünen gaben Versäumnisse ihres Stadtrats zu. Fraktionschef Oliver Jütting erklärte, er könne den „Unmut“ über die „schlechte Kommunikation“ in Kuhns Amt verstehen – das rechtfertige aber keinen Missbilligungsantrag. Die Grünen kritisierten im Gegenzug die SPD in scharfen Tönen. Sie habe sich „genüsslich an der Missbilligung geweidet“, erklärte die andere Grünen-Fraktionsvorsitzende Cordelia Koch. Konkrete Auswirkungen auf seine Rolle als Stadtrat hat die Missbilligung für Kuhn nicht. „Das ist wie eine Gelbe Karte beim Fußball“, sagt Schröder.

Die Verwarnung nahm stellvertretend auch Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) an. Er bat auf der BVV bei allen Verordneten und Pankowerinnen und Pankowern um Entschuldigung – für die „Fehler“ des Bezirksamts im Umgang mit der Thematik.

In der konkreten Sache aber kam auch Benn bisher nicht weiter. Das Colosseum ist und bleibt geschlossen ist. Die Kontaktversuche der Mitarbeitenden und des Bürgermeisters zur Erbengemeinschaft der Kino-Legende Artur Brauner haben bisher nicht gefruchtet. Allerdings ist sich Benn sicher, dass es irgendwann Kontakt geben muss. Denn wer auch immer etwas dort plane, müsse ja schließlich beim Bezirksamt vorstellig werden. Der erteilte Bauvorbescheid für den Bürokomplex sei eine Inaussichtstellung einer Genehmigung, „aber keine Genehmigung“. – Text: Christian Hönicke

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