Intro
von Robert Klages
Veröffentlicht am 16.06.2022
Wir kennen uns vermutlich noch nicht. Mein Name ist Robert Klages, ich schreibe üblicherweise den Newsletter aus dem benachbarten Lichtenberg für den Tagesspiegel und vertrete an dieser Stelle mal für zwei Wochen. Das trifft sich ganz gut, weil ich oft in Berlin-Pankow bin.
Viele schwärmen ja von der Bäckerei Siebert in der Schönfließer Straße 12 in Prenzlauer Berg. Der Mandelring, hm. Die Splitterbrötchen, lecker. „Das musst du probieren Robert.“ Als ich dann das erste Mal dort war, traute ich mich nicht zu sagen, dass ich es gar nicht so gut fand.
Es handelt sich um eine der ältesten Bäckereien Berlins, die nun schon in fünfter Generation geführt wird. Ein klassisches Familienunternehmen also, das von der Fachzeitschrift „Der Feinschmecker“ bereits mehrfach unter die besten Bäckereien Deutschlands gelistet wurde. So schreibt die Berliner Zeitung:
„Da kann es keine zwei Meinungen geben. Keine Frage: Die Bäckerei Siebert gehört in jeder „Guter Hauptstadtbäcker“- Liste dazu.“ Meinetwegen. Aber eine andere Meinung wird man ja bestimmt noch haben dürfen.

Es mag an den zu hohen Erwartungen gelegen haben, dass es mir bei Siebert nicht so mundete. Es ist lecker, aber irgendwie begeistert es mich nicht so wie viele Berliner:innen und Pankower:innen. Vielleicht liegt das an meinem durch SB-Backwaren eventuell zerstörten Kreuzberger Gaumen. Denn vermutlich keine Frage ist, dass man bei Siebert das Handwerk versteht und gute, regionale Zutaten verwendet.
War ich nicht in der Lage, das feine Siebertsche Backwerk zu schmecken? Vielleicht geht es gar nicht um den Geschmack, sondern mich nervt der Hype und dass alle Eltern und Kinder nach der Kita unbedingt zu Bäckerei Siebert wollen – nur, um sich dann dort in eine lange Schlange zu stellen und anschließend angepampt zu werden (viele mögen ja diese Berliner Unfreundlichkeit). Die Bedienung ruft oft schon aus dem Laden heraus, was man denn haben möchte, obwohl man sich noch gar nicht im Geschäft befindet, sondern noch in der Schlange steht. Aber bei Bäckerei Siebert muss man wissen, was man will, bevor man den Laden betritt.
Siebert ist älter als das Adlon und das KaDeWe. „Von der Kaiserzeit bis heute: bei Bäckerei Siebert sind die Brötchen immer warm“, titelte die B.Z. im Januar und sprach von einer „Bäcker-Dynastie“. Wie in der alten Zeit fühle ich mich dort auch: Man konnte bis vor Kurzem nicht mit Karte bezahlen. Und bar sollte man muss möglichst passend zahlen. „Kleiner hamses nich?“, fuhr mich die Bedienung an, als ich 8,90 Euro mit einem Zwanziger bezahlen wollte.
Kinder haben es bei Siebert auch nicht unbedingt immer leicht. Klar, die Kleinen rennen im Laden rum, das ist schon etwas laut, aber es sind halt Kinder. Die Kühltruhe mit dem Eis steht hinter der Theke, aber ohne Abgrenzung, gut zu sehen. Die Kinder laufen natürlich hin, sie wollen sehen, was für verpacktes Eis es gibt und sich gern selbst bedienen. Aber stattdessen sollen sie doch bitte vorher auf die Karte schauen, die in einer Ecke aushängt. Wenn ein Kind den Bereich hinter der Theke betritt oder gar das Eis anfasst – da ist was los.
Es gibt einen Katalog an Sachen, wie ein Einkauf bei Siebert gut überstanden werden kann:
- Zeit und Geduld mitbringen
- vorher wissen, was man haben möchte
- nicht überlegen oder zögern bei der Bestellung
- passend bezahlen
- nicht fragen, ob das Brot geschnitten werden kann
- nicht fragen, ob man mit Karte bezahlen kann (bis vor Kurzem)
- nicht nach Kassenbon oder Beleg fragen
- Kinder ruhig halten
- am besten keine Kinder dabeihaben
- nicht das Eis und die Kühltruhe anfassen
- bloß nicht fragen, ob eines der Kinder mal auf Toilette dürfe
- nicht unnötig im Geschäft verweilen, herumstehen oder unterhalten
So, mit diesem Intro habe ich mich eventuell zur Persona non grata bei Bäckerei Siebert geschrieben. Vielleicht nimmt sich die Bäckerei die Kritik aber auch zu Herzen und hat Humor. So lange muss meine Freundin wohl erstmal die Mandelringe kaufen gehen, ich passe auf die Kinder auf.
- Robert Klages ist freier Journalist beim Tagesspiegel. Schreiben Sie ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf Twitter und Instagram zu finden. Am 1. Juli erscheint sein Buch „Die großen Fressen des kleinen Mannes“, jetzt vorbestellen.
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