Kiezkamera

Veröffentlicht am 03.09.2020 von Christian Hönicke

„Antirassistische“ Aktion attackiert Werbeplakate. Überklebte und übermalte Werbeplakate fanden sich in dieser Woche an vielen Tram- und Bus-Haltestellen in Prenzlauer Berg. Sie erhielten allesamt den Zusatz „Kannst du nur, weil du weiß bist“. Am Mittwoch bekannte sich eine offenbar dem linken Spektrum zugehörige Aktivistengruppe zur „antirassistischen Adbusting-Aktion“. Wer genau dahinter steht, war bisher nicht in Erfahrung zu bringen. Die Aktion soll laut Eigendarstellung dem „rassistischen ‚Normalzustand'“ entgegenwirken, weißen Menschen ihre Privilegien aufzeigen und den „strukturellen Rassismus“ in unserer Gesellschaft darlegen.

Durch das Verändern der Werbeplakate etwa an Haltestellen sollen „Menschen in ihrem Alltag abgeholt werden“. Ein Plakat für die „Mobilitätswende“ etwa wurde mit der Aussage versehen, dass nur weiße Menschen in Berlin „ohne Angst vor Rassismuserfahrung aufs Land fahren“ könnten (siehe Foto oben).

Auch die BVG selbst kam nicht ungeschoren davon. Ihr Werbespruch „Berliner Großfamilie sucht Verstärkung für die Straße“ sei vielmehr „zynisch“ und spiele mit dem „rassistisch geprägten Vorwurf der Clan-Kriminalität“, so die Gruppe. Das BVG-Plakat erhielt den Zusatz: „Im Familienbetrieb arbeiten ohne ‚Clan‘-Vorwurf? – Kannst du nur, weil du weiß bist.“

Die BVG verurteilte die Aktion und wies die Kritik scharf zurück. Es handle sich dabei um Vandalismus, man habe Anzeige gegen Unbekannt gestellt, teilte BVG-Sprecherin Petra Nelken mit. Auf die Frage, ob man dessen ungeachtet den kritisierten „Großfamilien“-Werbespruch im eigenen Haus als völlig unproblematisch einstuft, konterte Nelken: „Wer das gemacht hat, scheitert an den eigenen Vorurteilen.“ Denn er verbinde mit dem Begriff Großfamilie negative Assoziationen.

„Natürlich spielen wir bewusst damit, dass dieser Begriff belegt ist“, sagt Nelken. „Die Botschaft des Werbespruchs spielt mit der Bedeutung und kehrt sie um. Wir sagen, Großfamilien sind gut.“ Auch die BVG sei eine Großfamilie: „Bei uns finden Sie einfach alles, wir sind ein bunter Haufen. Bei uns arbeiten 50 Nationen, jede Hautfarbe, jede sexuelle Orientierung, jede Religion.“ Es sei an der Zeit, „dass wir den Begriff Großfamilie wertfrei gebrauchen“.

Auch die grundsätzliche Botschaft der Plakatkaperer weist Nelken zurück: „Die Aktion stellt es ja so dar: Wenn man mit der BVG fahren will, muss man weißhäutig sein. Das ist Bullshit.“ / Foto: repro – Text: Christian Hönicke

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