Kiezkamera

Veröffentlicht am 12.11.2020 von Christian Hönicke

„Positiver Vandalismus“: Mit bunten Aufklebern gegen verblassende Straßennamen. Letzte Woche haben wir über verblassende Straßennamenschilder in Pankow berichtet. Daraufhin meldeten sich überraschend viele LeserInnen. „Das passiert in allen Bezirken, komischerweise nicht nur auf der der Sonne
zugewandten Seite des Schildes“, berichtet ein Leser. „Es betrifft Nebenstraßen und auch große, zum Beispiel die Straße An der
Urania. Und es passiert auch nicht erst seit diesem Jahr, sondern schon seit mindestens zehn Jahren.“

Scheint sich also um ein Berliner Phänomen zu handeln. Wer oder was steckt dahinter? Ein natürlicher Alterungsprozess oder gezielte Attacken? Auch Herr Meyer fragte sich das. Irgendwann ging er auf eigene Faust und ziemlich kreativ dagegen vor, indem er die Namen mit bunten Aufklebern wieder lesbar machte. Er nennt das „positiven Vandalismus“: „Ich kümmere mich gern vernachlässigte Grünflächen und fast ebenso gern um vernachlässigte Straßennamensschilder.“

So brachte er zum Beispiel einst die Kastanienallee zurück ins Straßenbild. Dabei habe es einen kleinen Disput mit dem Ordnungsamt gegeben, das ihn auf einer Leiter stehend dabei erwischte. „Ich war etwas sauer auf den Mann vom Ordnungsamt, weil er sich um mich kümmerte statt um den Müll in Grünflächen“, so Meyer. Man habe ihm dann erklärt, das Ordnungsamt sei mit der Überwachung des Parkraumes voll ausgelastet. Das schreibt Herr Meyer unter dem Namen Capitano Zanahoria in seinem Blog.

Wir haben Herrn Meyer mal gefragt, warum er sich denn überhaupt so rührend um die verwais… – äh verweißten Schilder kümmert. Er erzählt, dass er nach einem Gehirntumor 2008 schon im Alter von 31 Jahren Rentner wurde und seither als schwerbehindert gilt. „Ich wuchs auf einem landwirtschaftlichen Betrieb auf und kannte nur viel Arbeit. War in Berlin Programmierer mit langen Arbeitstagen gewesen. Ich brauchte Arbeit! Also habe ich mir selber Jobs gesucht. Ich räumte Grünflächen und Straßen auf und irgendwann fielen mir diese ausgeblichenen Straßenschilder auf.“ [Der Text stammt aus dem aktuellen Pankow-Newsletter. Den können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Dann habe er sich farbige Klebefolien gekauft, Schriftart und -größe der Schilder analysiert und angefangen, die Buchstaben zu ersetzen. „Gleiche Buchstaben, gleiche Größe, aber andere Farbe. Von den von mir beschrifteten Schildern wurden tatsächlich mehr ausgewechselt als von den Verblichenen – als wäre bunt schlimmer als weg. Tatsächlich ist nur noch eines meiner Schilder erhalten: das Kastanienallee-Schild Ecke Schönhauser.“

Ist das jetzt Vandalismus oder Zivilcourage? Das hängt vermutlich davon ab, in welchem Amt man arbeitet. Auf jeden Fall ist es gut lesbar geworden (siehe Foto oben). / Foto: privat – Text: Christian Hönicke

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