Kultur

Kino "Colosseum": Verkauf war offenbar bereits 2019 beschlossen

Veröffentlicht am 22.04.2021 von Christian Hönicke

Der Streit um das geschlossene Kino „Colosseum“ eskaliert: Die Kino-Mitarbeiter werfen den Erben Artur Brauners vor, in der Öffentlichkeit bewusst über ihre Verkaufspläne und die Abläufe gelogen zu haben. Betriebsratsmitglied Michel Rieck verweist auf eine gerichtliche Stellungnahme durch die Rechtsvertretung der Artur und Theresa und Sammy Brauner GbR, der die Colosseum-Immobilie gehört.

Das Traditionskino wurde im Frühjahr 2020 geschlossen und soll zu einem Bürokomplex umgestaltet werden. In der Öffentlichkeit machte die GbR dafür insbesondere den Ausbruch der Corona-Pandemie verantwortlich. Im Juni 2020 erklärte Sammy Brauner danach im Interview mit dem Tagesspiegel: „Wir haben als Erbengemeinschaft keine konkreten Pläne mit der Immobilie.“ Und: „Zu unterstellen, wir hätten nur auf Corona gewartet, um die Immobilie zu versilbern, ist zynisch.“ [Der Text stammt aus dem aktuellen Pankow-Newsletter. Den können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Tatsächlich sei bereits Anfang 2019 – also noch zu Lebzeiten Artur Brauners und weit vor Ausbruch der Pandemie – von der Erbengemeinschaft beschlossen worden, den Gebäudekomplex in der Schönhauser Allee an einen Investor zu verkaufen, so Rieck. Dies habe der mit der Rechtsvertretung der Brauner-GbR beauftragte Anwalt im Rahmen des Insolvenzverfahrens vor Gericht offiziell erklärt.

Demnach seien schon damals Verkaufsverhandlungen mit der Hamburger Immobilienfirma „Values Projektentwicklung GmbH & Co. KG“ geführt worden. Nach dem Tode Artur Brauners im Juni 2019 sei dieser Beschluss durch die Erben erneuert worden. Der Kinobetrieb habe demnach nur so lange fortgeführt werden sollen, wie er vom neuen Eigentümer geduldet worden wäre.

Rieck wirft Sammy Brauner nun vor, in der Öffentlichkeit bewusst gelogen zu haben. Insbesondere die Aussage, die Pandemie habe zur Kino-Schließung geführt, sei „fragwürdig“, so Rieck: „Offenbar hatte die Erbengemeinschaft schon weit früher konkrete Pläne für die Immobilie.“ Corona sei „der Immobilienspekulation offensichtlich sehr gelegen“ gekommen. Auch das Ende des Kinobetriebs sei ebenfalls schon lange zuvor erwogen worden: „Der Handlungsspielraum wurde hier offenbar schon vor Corona begrenzt.“

„Es hat auch nie eine von Herrn Brauner erwähnte Betriebsratsversammlung im Beisein von Herrn Brauner gegeben“, so Rieck. Richtig sei, dass der Betriebsrat an einem Tag mit Sammy Brauner zusammengekommen sei. „Eine Betriebsratsversammlung impliziert allerdings, dass Herr Brauner sich dem gesamten Kollegium gestellt hat und mit diesem gesprochen hat, was nie geschehen ist. Vielmehr ist er geflüchtet, als Mitarbeiter:innen auf ihn zugingen, und hat diese im Interview als aggressiv betitelt.“ Auch sei dem Kollegium „zu keinem Zeitpunkt ein beziffertes Abfindungsangebot von 230.000 Euro gemacht“ worden, wie öffentlich behauptet.

Rieck findet es „empörend, dass Immobilienspekulationen nun auf dem Rücken des Steuerzahlers, der Mitarbeitenden und des Betriebsrates ausgetragen werden“. So sei nach Ausbrauch der Pandemie unter anderem monatelang Kurzarbeitergeld für die Mitarbeiter beantragt worden, obwohl die Kinoschließung längst geplant gewesen sei.

Der Bezirk Pankow und das Land Berlin wollen die Immobilie erwerben, um eine weitere kulturelle Nutzung zu gewährleisten. Allerdings haben die Erben laut Pankows Bürgermeister Sören Benn (Linke) bisher nicht auf Verhandlungsversuche reagiert. – Text: Christian Hönicke

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