Kultur

Kino Colosseum: Grüne rücken von BVV-Beschluss ab und favorisieren Investorenpläne

Veröffentlicht am 01.07.2021 von Christian Hönicke

Ankauf durch das Land oder Privatinvestor? Die Debatte um das Kino Colosseum kommt wieder in Gang. Vergangene Woche hatte sich der Projektentwickler Values Real Estate erstmals öffentlich geäußert und sein Konzept zur Umwandlung des Traditionskinos in einen Büro- und Kulturkomplex vorgestellt.

Der Investor will die Immobilie von den Erben der Berliner Kinolegende Artur Brauner erwerben. Ein entsprechender Bauvorantrag wurde vom Bezirksamt bereits 2019 genehmigt – der Vorgang hatte den grünen Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn schwer in Bedrängnis gebracht. Die Bezirksverordnetenversammlung will den Deal noch verhindern. Sich sprach sich per Beschluss stattdessen für den Ankauf des Ensembles durch das Land Berlin aus.

Daran hält die Pankower SPD fest. „Wir setzen uns weiterhin für einen Ankauf durch den Senat ein“, stellt die Abgeordnetenhauskandidatin Linda Vierecke klar. Nach SPD-Angaben ist der Ankaufsvorgang durch das Land bereits relativ weit fortgeschritten. Der Ball liege aktuell bei der Senatswirtschaftsverwaltung, die sich um eine Freigabe der notwendigen Mittel bemühen müsse. „Dementsprechend müsste das Thema von seitens der Senatorin Pop vorangetrieben werden“, erklärt SPD-Politikerin Annette Unger.

Zu den Investorenplänen könne man noch nichts sagen, so Unger und Vierecke. Sie zeigten sich zwar prinzipiell interessiert, doch das Konzept der Values sei ihnen nicht vorgelegt worden. Wichtig sei aus SPD-Sicht „vor allem, das Colosseum als Kulturstandort zu erhalten“, so Unger. Auch Pankows CDU-Fraktionschef Johannes Kraft äußerte sein Interesse am Konzept: „Allerdings wurde es uns nicht vorgestellt, daher kann ich dazu aktuell nichts sagen.“

Die Grünen hingegen haben das Konzept nicht nur bereits gesehen, sondern sogar daran mitgewirkt. Erstellt wurde es für den Investor von Lillemor Mallau, die Mitglied der Pankower Grünen ist. Sie betreibt mit ihrer Starlounge GmbH seit einiger Zeit das Imax-Kino im Sony Center am Potsdamer Platz.

Die Pankower Grünen-Fraktionsspitze hatte den Kontakt zwischen Mallau und dem Investor nach eigenen Angaben initiiert. „Ich habe schon damals sofort Akteneinsicht genommen“, erklärt die Fraktionsvorsitzende Cordelia Koch. „Es war offensichtlich, dass da architektonisch eine Verbesserung geplant ist. Es gab aber noch kein Nutzungskonzept. Deshalb habe ich mich mit dem Investor getroffen.“ Koch habe gegenüber Values erklärt, dass „wir kein reines Büroprojekt an dieser Stelle unterstützen können, sondern dass das Ziel ein zukunftsfähiger Kultur- und Kinostandort sein muss“.

Das Konzept setzt nun auf eine Mischung aus Filmvorführung und -produktion, Gastronomie und Festivals. Geplant ist, wie berichtet, die Überbauung des denkmalgeschützten kleinen Kinosaals und der alten Wagenhallen. In einem L-Förmigen Glasbau sollen dabei auf 8500 Quadratmetern Büros entstehen. Der Rest der etwa 13.500 Quadratmeter soll anderen, insbesondere kulturellen Nutzungen zugeführt werden.

Im historischen Kinosaal könnten neben einem kuratierten Filmprogramm auch Meetings, Konferenzen oder E-Sport-Events laufen. Dazu soll es ein Atrium im Innenhof geben, das auch öffentlich zugänglich sei. Auch Bildungsinstitutionen wie Musikschulen sollen über „Freizeiten“ an Räume kommen. Es gebe bereits konkrete Mietinteressenten aus der Kreativszene, erklärt Values-Projektentwickler Thorsten Bischoff.

Das Ergebnis überzeugte Koch dabei so sehr, dass die Grünen ihre Position geändert haben. Sie stellen sich nun gegen einen Ankauf des Traditionskinos in Prenzlauer Berg durch die öffentliche Hand. Stattdessen befürworten sie den Values-Plan, einen Mischkomplex aus Büros, Gewerbe, Kultur und Konferenz zu errichten.

Der Sinneswandel habe auch „ganz praktische Gründe“, sagt Koch. „Wir haben mit den Kinos Colosseum und in der Kulturbrauerei eine Konkurrenzsituation.“ Beide hätten schon in den vergangenen Jahren keine Gewinne generiert. Und die Grünen wollen nun, dass die öffentliche Hand lieber die ganze Kulturbrauerei erwirbt. „Für beides wird kein Geld da sein“, sagt Koch.

Die Kulturbrauerei sei saniert und habe ein tragfähiges Nutzungskonzept, das Colosseum sei „runtergewirtschaftet“ und müsse nach dem Kauf mit viel Geld ertüchtigt werden. „Außerdem gibt es weiterhin keine wirklichen Nutzungsideen für das Colosseum. Es lohnt sich aus meiner Sicht nicht, dass Berlin da Geld reinsteckt.“ Wenn nun ein Privater genau das umsetzen wolle, was sich die Bezirkspolitik sich für den Standort wünsche, „dann begrüßen wir das natürlich“.

Reservierter ist die Linkspartei. Vergangene Woche stellte Bischoff die Values-Pläne auch Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) vor, der für Kultur zuständig ist. „Gezeigt bekommen haben wir nichts“, erklärte Benn auf Tagesspiegel-Anfrage dazu. „Was angedacht ist, kommt dem stark entgegen, was ich schon lange und die BVV ja auch anstrebt.“ Genau beurteilen könne man das aber erst, „wenn wirklich Butter bei die Fische kommt“.

Bis dahin rückt auch Benn nicht von der grundsätzlichen Position der Linkspartei ab: „Einen Ankauf halte ich immer noch für wünschenswert, weil wir viel zu wenig bezahlbare Räume für kulturelle und kulturwirtschaftliche Nutzung und vor allem für künstlerisches Arbeiten in Berlin haben.“ Und nach aktueller Einschätzung von Benn „scheint es so zu sein, dass sich der Senat damit ernsthaft auseinandersetzt“.