Namen & Neues

Namensgeber für Grundschule als KZ-Wächter entlarvt

Veröffentlicht am 09.05.2019 von Gerd Nowakowski

Kann ein SS-Mann weiter Namensgeber einer Grundschule in Pankow bleiben? Nein, sagt die Schulleitung der Rudolf-Dörrier-Schule im Ortsteil Rosenthal und fordert jetzt eine Umbenennung. Am Dienstag traf sich die Schulleitung mit dem Pankower Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU). Der Namensgeber Rudolf Dörrier starb hochverehrt und mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande versehen mit 103 Jahren im Jahre 2002. Der „Tagesspiegel“ hatte 2000 anlässlich seiner Ehrung geschrieben, „seine Suche nach der historischen Wahrheit wurde über Pankows Grenzen hinaus anerkannt“.

Tatsächlich aber war der auch in der DDR hochdekorierte angebliche Antifaschist Dörrier ein ehemaliger SS-Mann, der als Unterscharführer von 1944 bis zum Kriegsende im Konzentrationslager Sachsenhausen tätig war. Anschließend trat er in der DDR in die SED ein und beteuerte, sein Herz habe schon seit den zwanziger Jahren „links geschlagen“.

Die Geschichte des lebenslangen Lügners, die von dem Berliner Historiker Harry Waibel aufgedeckt wurde, ist auch ein Beispiel für das nicht vorhandene Interesse der DDR-Führung, nach dem Krieg die Nazi-Verbrechen aufzuarbeiten und ehemalige Nazi-Täter vor Gericht zu stellen. Stattdessen hatte die SED schon 1950 auf ihrem Parteitag verkündet, die Wurzeln des Faschismus seien in der DDR ausgerottet; die Nazi-Verbrecher seien mithin allein ein Problem der jungen Bundesrepublik.

Die Geschichte Rudolf Dörriers ist auch wegen seiner Familiengeschichte nahezu unfassbar. Denn Dörrier, der 1927 nach Berlin zog, heiratete in eine jüdische Familie ein. Seine Schwiegereltern betrieben ein pharmazeutisches Versandgeschäft in der Binzstraße 2 in Pankow, wo sie auch wohnten. Nachdem die Schwiegereltern Mar­garete und Julius Wassmund am 31. Juli 1942 vom Bahnhof Grunewald zum KZ The­resienstadt deportiert und später dort ermordet wurden, übernahm Dörrier das Unternehmen. An die Schwiegereltern erinnern heute zwei „Stolpersteine“ vor deren damaligen Wohnhaus. Nach dem Krieg erfand Dörrier einen anderen Lebenslauf, bei dem er unter anderem seit 1929 für den später arisierten jüdischen Wissenschaftsverlag Julius Springer gearbeitet haben wollte. In der DDR war Dörrier bis 1965 Leiter der Bibliotheken in Pankow und leitete bis 1990 die von ihm gegründete „Ortschronik Pankow“. Für seine Tätigkeit wurde er vom DDR-Kulturbund mit der „Johannes-R.-Becher-Medaille“ in Gold geehrt.

Auch nach dem Mauerfall stand Dörrier in Pankow weiterhin in hohem Ansehen; neben dem Bundesverdienstkreuz erhielt er auch die „Ehrenmedaille für Verdienste um den Be­zirk Pan­kow“. Dörrier legte zwei Chroniken in Buchform vor, zuletzt 1971 den Band „Pankow – Chronik eines Berliner Stadtbezirks“. Nach seinem Tode 2002 wurde Dörrier auf dem Ehrenhain des Pankower Friedhofs 3 beigesetzt und an seinem Wohnhaus in der Hiddenseestraße eine Gedenkplakette angebracht. Die Rosenthaler Grundschule wurde 2004 nach ihm benannt; zuvor hatten Schüler mit dem damals noch lebenden Rudolf Dörrier Gespräche zu seinem Leben und Wirken als aufrechtem Antifaschisten geführt. Zur Bigotterie der DDR-Führung gehört auch, dass das Ministerium für Staatssicherheit offenbar spätestens seit 1970 von seiner Vergangenheit als SS-Mann wusste, wie Waibel herausfand. Ob Dörrier in Kontakt mit der Stasi stand, ist nach Waibels Aussage nicht zu belegen. Einzig seine Tochter, so erfuhr Waibel von dieser, kannte Dörriers SS-Vergangenheit. Ihr habe er gesagt, er habe das nur getan, um die Familie und die Schwiegereltern zu schützen.

Im Zusammenhang mit einem Buchprojekt über ehemalige Nazis in der DDR hat Waibel auch die Geschichte des Schul-Namensgebers erforscht. Nach Erscheinen eines Textes über Dörrier auf der Online-Seite haGalil.com, die sich jüdischen Leben widmet, wurde Waibel von Eltern kontaktiert, deren Kinder die Grundschule besuchen. Anschließend hatte es seit Ende 2018 an der Schule Diskussionen im Rahmen einer Arbeitsgruppe gegeben. Offen ist, ob und wann die Schule umbenannt wird, die derzeit im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive saniert wird und unter anderem eine neue Turnhalle erhalten soll.

Die neuen Erkenntnisse über Dörrier habe „alle überrascht“, sagte Schulstadtrat Kühne: „Selbst engen Weggefährten war das nicht bekannt.“ Das Museum Pankow „überprüft und wertet die neuen Quellen nun intensiv aus“. Entschieden werde über die Umbenennung der Schule dann aber weder vom Bezirksamt oder der Senatsbildungsverwaltung, sagt der Stadtrat. Das falle in die Kompetenz der Schulkonferenz, in der Eltern, Lehrer und Schüler vertreten sind. Deswegen habe das Treffen im Bezirksamt nur einen informellen Charakter gehabt, weil der Bezirk natürlich ebenfalls Interesse an den Konsequenzen der biografischen Entlarvung des in Pankow geehrten Rudolf Dörrier habe.

Kühne geht davon aus, dass die Grundschule im Laufe des nächsten Schuljahres umbenannt werde. Darüber hinaus aber stünden weitere Fragen im Raum: Was geschieht mit der Gedenkplakette an Dörriers Wohnhaus? Was mit dem Ehrengrab? Und kann ein Bundesverdienstkreuz posthum aberkannt werden? – Gerd Nowakowski
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Dieser Text stammt aus dem neuen Pankow-Newsletter vom Tagesspiegel. Den Newsletter, den wir Ihnen einmal pro Woche kompakt mailen, können Sie ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de

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