Namen & Neues

Rassistische Übergriffe in Niederschönhausen

Veröffentlicht am 01.04.2021 von Constanze Nauhaus

Was ist los im beschaulichen Niederschönhausen? Anwohner berichteten uns von Übergriffen auf Studenten des benachbarten Bard Colleges in der Platanenstraße. Mehr als 250 junge Leute aus 60 Nationen lernen hier. Direktor Florian Becker bestätigte die Vorkommnisse. Im Oktober sei es losgegangen: In eines der Botschaftsgebäude, in dem die Studenten untergebracht sind, sei eingedrungen worden und von innen ein großes Hakenkreuz an den Balkon gesprayt worden – und „NSR“, ein Sprayer-Tag, der in Niederschönhausen und auch bis hinauf nach Reinickendorf immer wieder auftaucht. Studenten seien rassistisch beleidigt, Fenster seien eingeworfen worden. Elf Strafanzeigen stellte das College bis jetzt, zwei Mal wegen versuchter Körperverletzung. Ein Student sei von Jugendlichen gejagt worden, habe Hilfe über WhatsApp gerufen, erzählten Anwohner. Im Rahmen der „Woche gegen Rassismus“ in Pankow veranstaltete das College eine anti-rassistische Aktion im Viertel.

Unter Verdacht steht eine Gruppe Jugendlicher, die sich regelmäßig in der Grünanlage Wald-/ Ecke Kuckhoffstraße trifft. Collegedirektor Becker sagte, Studenten von ihm hätten einzelne Personen wiedererkannt. „Es gibt noch keine Ermittlungserfolge“, sagt Becker. Zum Teil habe man sich von der Polizei ernstgenommen gefühlt, zum Teil aber auch weniger. Hinweise etwa auf Seiten in sozialen Netzwerken, wo Jugendliche wiedererkannt worden seien, hätten Beamten zum Teil als „unbrauchbar“ zurückgewiesen. Das College wandte sich per Wurfzettel an die Nachbarschaft, erfuhr auch viel Solidarität. „Wir haben uns selbst geschützt“, sagt Becker. Grundstücke habe man besser abgesichert, Studenten hätten nachts in Gruppen gewacht, leider habe dann aber auch ein professioneller Sicherheitsdienst eingestellt werden müssen.

Seit Anfang Februar gebe es keine Vorfälle mehr – also etwa zeitgleich zu den schrittweisen Schulöffnungen. „Das ist natürlich alles Spekulation“, sagt Becker, aber gelangweilte, frustrierte Jugendliche – da könne es durchaus einen Zusammenhang geben. Erst am Wochenende ist in ebenjener Grünanlage, dem sogenannten „Intelligenzberg“, eine Frau von Jugendlichen niedergestochen und mit einem Elektroschocker verletzt worden. Ein 20-Jähriger aus Spandau sitzt nun in U-Haft, einen politischen Hintergrund schließt die Polizei hier aus.

Sie schließt ihn aber nicht aus bei den das College betreffenden Vorfällen. Danach gefragt, bestätigt die Polizei, einige der Sachverhalte seien „eindeutig der Politisch Motivierten Kriminalität zuzuordnen“. Es sei bekannt, „dass es im Zeitraum von Oktober 2020 bis März 2021 zu insgesamt acht Sachbeschädigungen an Gebäuden des Bard College Berlin kam“ – Farbschmierereien, Sachbeschädigungen, das Hakenkreuz. Wegen der Bezüge zur Politisch Motivierten Kriminalität -rechts- beschäftige sich der Polizeiliche Staatsschutz im Landeskriminalamt mit den Vorfällen. „Ob es gegebenenfalls darüber hinausgehende Zusammenhänge mit einer politischen Motivation der Taten gibt, wird derzeit geprüft.“

Die Bitte des Colleges, die Grünanlage etwas besser zu beleuchten, sei vom Bezirk abgelehnt worden. Dort nachgefragt, wird mitgeteilt, Grünanlagen seien aus „wirtschaftlichen, Umwelt- und Artenschutzgründen“ grundsätzlich nicht beleuchtet. Ausnahmefälle gebe es zum Beispiel auf „dringende Empfehlung der Präventionsstelle der Polizei“. Ob diese hier bestehe, konnte die Polizei bis Redaktionsschluss nicht beantworten.

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