Kiezgespräch

Veröffentlicht am 19.07.2018 von Christian Hönicke

Bürger gegen Bezirk gegen Berlin. Nächste Runde im Spielplatzstreit. In Pankow sind inzwischen mehr als 40 der 212 Spielplätze ganz oder teilweise gesperrt, mitunter seit Jahren. Zwar wurden vergangene Woche die Spielplätze am Teutoburger Platz und am Wasserturm wiedereröffnet, insgesamt aber ist die Sperrtendenz steigend – pro Jahr verliert der Bezirk netto 10 Plätze. Kein Wunder: 160 Bezirksspielplätze werden als „sanierungsbedürftig“ eingestuft. Vor allem Prenzlauer Berg (68) droht demnächst zur Spielplatz-Diaspora zu werden.

Nur ein Spiel wird in Pankow weiterhin munter gespielt: Schwarzer Peter. Während Kinderaugen traurig durch Bauzäune auf verrottende Holzschaukeln blicken müssen, liefern sich Berlins Politiker packende Rededuelle um die Schuldfrage. Die nächste Runde wurde laut der Anwohnerinitiative „JA! Spielplatz!!“ von Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) eingeleitet. Demnach gab er dem Bezirk auf einer Veranstaltung in der Brotfabrik am 19. Juni die alleinige Schuld an der Misere. Alle Berliner Bezirke hätten in den letzten 15 Jahren gleich wenig Personal und Geld gehabt. Fünf Bezirke aber hätten es trotzdem geschafft, ihre Kinderspielplätze in Ordnung zu halten: Treptow-Köpenick, Neukölln, Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinickendorf und Spandau. Kollatz-Ahnen empfahl Pankow deshalb, sich von den erfolgreichen Bezirken beraten zu lassen.

Das will Pankows zuständiger Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (B‘90/Grüne) selbstredend nicht auf sich sitzen lassen. „Pankow hatte 15 Jahre lang am meisten Personal abzubauen. Ein Schwerpunkt war der Grünanlagenunterhalt inklusive Spielplätze – obwohl hier gerade die Zahl der Spielplätze mit am höchsten ist.“ Kuhn widerspricht auch Kollatz-Ahnens Ansicht, wonach der Senat die Bezirke ausreichend ausstatte. Der Finanzsenator begründet dies mit dem Umstand, dass die Bezirke Überschüsse erwirtschaften. „Pankow ist gerade einmal seit Beginn des Jahres schuldenfrei und liegt im Vergleich der Bezirke mit seinem Guthaben auf dem vorletzten Platz – das sollte auch Herrn Kollatz-Ahnen bekannt sein“, so Kuhn. Die derzeitige Ausstattung im Bezirksamt decke „nur etwa 20 bis 30 Prozent der erforderlichen ab, die Aussage ist deshalb nicht korrekt“.

Auch von einem Spielplatz-Crashkurs durch andere Bezirke will der Bezirksstadtrat nichts wissen. „Das Konzept des einen Bezirkes ist nicht einfach 1:1 auf einen anderen Bezirk umsetzbar, eine Beratung erübrigt sich daher.“ Schon allein deswegen, weil Pankow im Vergleich viel mehr Spielplätze habe, „rund 50 Prozent mehr als Treptow-Köpenick und sogar rund 2,5 Mal so viele Spielplätze wie Reinickendorf“.

Doch mit diesem „unsinnigen Zahlenvergleich“ will sich Uwe Scholz von „JA! Spielplatz!!“ nicht zufriedengeben. Scholz wirft dem Stadtrat vor, „keine konkreten Ziele und Absichten, keine Prioritäten und Zwischenschritte“ zu definieren: „Er tut so, als wäre er irgendwie ein Opfer der Verhältnisse. Nach unserem Eindruck hat er überhaupt kein Interesse an dem Thema.“

Doch auch dies weist Kuhn zurück. Man habe „Überblick-Tools“ entwickelt, um zumindest das genaue Ausmaß der Sperrungen und Schwerpunkte zu kennen. Sein Lösungskonzept: Kurzfristig will er Spielplätze „nur noch teil-absperren, wenn die Prüfungen das zulassen“. Punktuelle Soforthilfe soll auch der Einsatz weiterer Sondermittel bringen. „Mittelfristig“ sollen Spielplätze gerade in den Brennpunkten wieder „schrittweise“ instandgesetzt werden, „inklusive Gestaltung zusammen mit Anwohnerinitiativen“. Aktuell wird dies etwa in der Dusekestraße versucht.

Auch andernorts im Bezirk gibt es laut Kuhn viele Anwohner, die beim Abbau defekter Spielgeräte helfen würden. Doch das Personal reiche nicht zur Koordinierung weiterer Bürgerinitiativen. Auch gesperrte Spielplätze im Alleingang so schnell wie möglich zumindest als Sandflächen wieder freizugeben,  wie „JA! Spielplatz!!“ fordert, sei wegen des Ressourcenmangels nicht möglich. Langfristig fordert der Stadtrat deshalb „ausreichend Personal und Mittel im Haushalt“ für die Spielplatzplanung. Womit wir wieder ganz am Anfang des Spiels wären, beim Finanzsenator. Das Spiel kann weitergehen.

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