Kiezgespräch
Veröffentlicht am 18.10.2018 von Christian Hönicke
Verdrängt Rammstein Kiezkünstler? Das Café Niesen in Prenzlauer Berg war einer der letzten Kieztreffpunkte im Gleimviertel. Anwohner und Künstler aus der Nachbarschaft trafen sich hier und lauschten kleinen Konzerten. Damit ist seit Dienstag Schluss: Das Café musste wegen einer Mieterhöhung nach 13 Jahren schließen. Das passt ins Lamento des Rammstein-Keyboarders Christian „Flake“ Lorenz, der vor kurzem noch die Gentrifizierung seiner Heimat Prenzlauer Berg angeprangert hatte. Das Pikante daran: Das Haus gehört keinem Investor aus Luxemburg, sondern einem anderen Künstler aus Prenzlauer Berg – Rammstein-Sänger Till Lindemann. Dies bestätigte Lindemanns frühere Freundin Sophia Thomalla in einem Instagram-Post. Wir sprachen darüber mit der Café-Betreiberin Christine Wick.
Frau Wick, wie war die Abschiedsfeier? Es war wunderbar, sehr berührend, es sind noch einmal alle gekommen. Es gab schöne Konzerte, Gedichte wurden gelesen. Ich bin sehr traurig, aber es fällt auch ein Stein von mir ab. Es waren 13 Jahre, jetzt ist es vorbei. Wir haben es damals zu zweit aufgemacht, wir wollten als bildende Künstler einen Ort für Kultur schaffen. Es war eine sehr vielfältige, lehrreiche und intensive Zeit. Ich habe viele Leute kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte.
Warum mussten Sie schließen? Der Gewerbemietvertrag lief aus. Ich sollte 55 Prozent mehr Miete zahlen. Die Hausverwaltung blieb fest bei ihrer hohen Forderung, das konnte mein Café nicht leisten. Da war nichts mehr möglich.
Es heißt, Ihr Haus gehöre Rammstein-Sänger Till Lindemann, der selbst in Prenzlauer Berg lebt. Ja. Er hat zig Wohnungen und Häuser hier im Kiez. Am Dienstag im Café hat jeder Zweite gesagt, dass er für ihn Päckchen in seinem Haus annimmt.
Sind Sie enttäuscht, dass Ihr Künstler-Café von einem Künstler geschlossen wird? Ich kann es nur so einordnen, dass es irgendwann krank macht, so viel Geld zu haben. Das ist Geldsucht, ich finde, das sollte man als Krankheit anerkennen. Man verliert dabei wohl den Kontakt zu sich und den Leuten. Lindemann hat sich völlig abgeschottet, ich selbst habe auch keinen Kontakt mehr zu ihm. Am Anfang, als er noch im Haus gewohnt hat, hat er sich noch hier im Café gezeigt. Auch Rammstein hat sich hier getroffen. Aber Lindemann hat sich hier schon lange nicht mehr sehen lassen.
Lindemanns Ex-Freundin Sophia Thomalla wirft Ihnen „mangelnde Hygiene“ vor, zum Schluss sei sogar das ganze Haus von Mäusen befallen gewesen. Das finde ich ekelhaft. Ich wollte nicht, dass das so ausartet. Die kennt mich nicht mal, die Frau. Aber jetzt kann ich mir auch vorstellen, wer die beiden anonymen Anzeigen beim Ordnungsamt geschrieben hat. Der Kammerjäger hat uns nach zehn Tagen Zwangsschließung bestätigt, dass gar keine Mäuse da sind.
Wie soll es mit dem Café weitergehen? Man hat mir gesagt, ein familiennaher Freund Lindemanns wolle hier künftig Gastronomie betreiben.
Wird es ein neues Café Niesen geben? Ich habe jedenfalls den Wunsch, diese Gemeinschaft in einem neuen Raum unterzubringen. Ich bin dabei, einen neuen Raum direkt in der Nähe aufzutun, den eine freundliche Frau aus der Nachbarschaft mir angeboten hat. Ich habe die Hoffnung, dass ich dort einen Verein für den Kiez auf die Beine stellen kann, der offen für Musik und Kunst ist. Der Kiez verändert sich, es geht einer nach dem anderen. Er wird neu bespielt, aber es sind ganz andere Leute, nicht so offen und zugänglich. Im Café Niesen war alles durchmischt, so soll es wieder sein. Es soll ein Kieztreff sein, wo Nachbarn miteinander reden, man soll auch reinkommen können, wenn man kein Bild anschauen will. Vielleicht gibt es eine Kaffeemaschine, ein bisschen Bier und Wasser – mehr braucht man nicht.
Die Hausverwaltung wollte sich auf Nachfrage nicht zu der Angelegenheit äußern. Eine Anfrage beim Rammstein-Management blieb unbeantwortet.