Kiezgespräch

Veröffentlicht am 24.10.2019 von Eva Steiner

Endlich aufatmen: Der über anderthalbjährige Kampf der Bewohner des Hauses Gleimstraße 56 gegen ihre Verdrängung hat nun doch noch ein gutes Ende gefunden: Das Haus ist, bezuschusst durch den Berliner Senat, von der landeseigenen Gesobau offiziell übernommen worden. 

Es ist das erste Mal in der Geschichte Pankows, dass der Bezirk in einem Fall drohender Verdrängung von seinem Kommunalen Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht hat. Unter den rund 50 Bewohnern, die nun bleiben dürfen, befindet sich eine Mieterin, die 1952 in dem Haus geboren wurde, vier weitere Mietparteien bewohnen das 1901 erbaute Haus seit rund 35 beziehungsweise 40, viele andere seit mindestens 20 Jahren. Die Mieter hatten seit Anfang 2018 mit Protest-Spaziergängen und anderen öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf ihre drohende Verdrängung aufmerksam gemacht.

Der Bezirk war zum Vorkauf berechtigt, da das Wohnhaus in einem Milieuschutzgebiet liegt. Ursprünglich sollte das Mietshaus für 7,9 Millionen Euro an ein internationales Immobilienkonsortium verkauft werden. Der potentielle Käufer wollte aber die im Milieuschutzgebiet notwendige Abwendungsvereinbarung nicht akzeptieren. Damit sollten mietsteigernde Maßnahmen, etwa der An- und Einbau von Balkonen und Aufzügen sowie die Umwandlung in Eigentumswohnungen, ausgeschlossen werden. 

Es war eine lange Zitterpartie: Wie mein Kollege Christian Hönicke vor knapp einem Jahr berichtetehatte der Käufer des Wohnhauses in Prenzlauer Berg Widerspruch gegen den Vorkaufsbeschluss des Bezirks eingelegt. Dieser Widerspruch wurde juristisch abgeschmettert, allerdings hätte der potentielle Käufer bis zum Ablauf der Frist Ende Februar 2019 noch mal klagen können. Dass dies nicht geschehen ist, haben die Bewohner des Hauses trotz mehrfacher Nachfragen beim Verwaltungsgericht allerdings wieder Monate später erfahren. Erst im August machte die Bezirksverordnetenversammlung Pankow dann öffentlich, dass der kommunale Vorkauf des Wohnhauses vollzogen sei.

So konnten vor wenigen Wochen die Mieter endlich offiziell feiern, auch wenn sie eine – vergleichsweise kleine – bittere Pille schlucken mussten: Der Quadratmeterpreis für die insgesamt 30 Wohn- und zwei Gewerbeeinheiten, darunter eine Kita, wurde von der Gesobau um einen Euro angehoben. „Wir sind selbstverständlich ausgesprochen froh, dass unser intensiv geführter Widerstand gegen unsere Verdrängung am Ende von Erfolg gekrönt ist”, sagt Lothar Gröschel, Sprecher der Mieterinitiative.

Doch er sieht nun neue Aufgaben auf die Mieter und auch die neue Eigentümerin Gesobau zukommen: „Wir möchten in Zukunft nicht einfach nur passiv unsere Miete zahlen, wie das der Normalfall ist”, sagt Gröschel. Auch wenn man sich als Mieter in Berlin meist kaum traue, solche Gedanken zu haben: Er sehe sich und die anderen Mieter lieber als Akteure in Fragen der zukünftigen Bewirtschaftung des Hauses, zum Beispiel bei der Gartenpflege aber auch beim Mitspracherecht über mögliche Sanierungs- oder Modernisierungmaßnahmen.

Andersherum könne davon auch der Eigentümer profitieren: „Mieter, die sich für ihr Haus verantwortlich fühlen, erkennen mitunter auch mögliche Schäden schneller und melden diese dann umgehend”, sagt Gröschel. Auch die Gesoba muss sich nun also auf einen intensiven Dialog mit den Mietern einlassen. Laut Gröschel habe die Wohnungsbaugesellschaft dafür ihre Bereitschaft signalisiert.

Foto: dpa (Symbolbild)

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