Kiezgespräch

Veröffentlicht am 25.05.2023 von Christian Hönicke

Gefährliche Birnen? In Prenzlauer Berg sollen nach Jahrzehnten plötzlich alle Bäume gefällt werden – weil sie Früchte tragen. Bäume in Pankow erhalten, wo es nur geht, und über jede nötige Fällung frühzeitig transparent zu informieren – das hat das neue Bezirksamt unlängst versprochen. Doch in der Realität wird im Straßen- und Grünflächenamt (SGA) im Zweifel auch ohne Ankündigung weiter zur Kettensäge gegriffen. Aktuelles Beispiel: die Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg. Dort sollen die jahrzehntealten Birnenbäume offenbar samt und sonders gefällt werden – weil sie Birnen tragen.

Anwohner registrierten vor wenigen Tagen geschockt, dass ihre geliebten Straßenbäume plötzlich und ohne Vorwarnung wie Vogelscheuchen aussahen. „Sie wurden so extrem zurückgeschnitten, dass sie kaum noch überlebensfähig sind“, berichtet eine Anwohnerin, die nicht namentlich genannt werden möchte.

Noch fassungsloser macht die Anwohner, dass der Radikalschnitt in der geschützten Vegetationsperiode zwischen März und Oktober erfolgte. „Ein Fachmann sagte mir, wer diese Bäume so zurückschneidet, will, dass sie sterben“, berichtet die Anwohnerin. „Es kommt also einer Fällung gleich.“

Das bestätigte das Straßen- und Grünflächenamt in einer knappen Mail auf Nachfrage eines anderen Bewohners: Alle Bäume in der Straße sollen demnach mittelfristig gefällt werden. „Wir sind derzeit daran, die Bäume sukzessive auszutauschen.“

Die Begründung für die geplante Massenrodung: „Bei der gewählten Baumart handelt es sich leider um eine falsche Charge. Uns wurde versichert, dass diese nicht fruchtet, leider fruchtet der Baum aber doch mit sehr großen Früchten, sodass hier im Herbst eine große Rutschgefahr auf den umliegenden Bereichen besteht.“

Bei den gefährlichen Bäumen handelt es sich um etwa 70 Exemplare der Chinesischen Wildbirne. Sie begrünen die Immanuelkirchstraße seit 1997. Wieso sie nun nach einem Vierteljahrhundert plötzlich eine Gefahr darstellen sollen, versteht auch der Bezirksverordnete Axel Lüssow (Grüne) nicht. Er kritisiert, dass die Radikalschnitte „ohne Ankündigung oder Erklärung der konkreten Gefährdung“ durchgeführt wurden. „Wieso diese Maßnahme nicht zu anderer Zeit oder auf andere Weise planbar war, erschließt sich mangels Information durch das Bezirksamt leider erneut nicht.“

Statt Bestandsbäume zu dezimieren und „auszutauschen“ brauche Pankow ein transparentes Straßenbaumkonzept, „bei dem Neupflanzungen an allererster Stelle stehen“, so Lüssow.

In der Nachbarschaft wird nun gemunkelt, dass die Birnen weniger eine Gefahr für ausrutschende Fußgänger darstellen als vielmehr für die darunter geparkten Autos. Das wilde Birnen-Gerücht im Kiez: Einige Pkw-Besitzer hätten sich womöglich darüber beim Bezirksamt beschwert.

Das bestreitet das Straßen- und Grünflächenamt auf Nachfrage. „In den vergangenen Jahren zeigte sich, dass diese Bäume leider nicht als Straßenbaum geeignet waren“, erklärte eine Sprecherin. „Die große Fruchtbildung führte im Herbst der vergangenen Jahre zu einer großen Rutschgefahr auf den umliegenden Bereichen, insbesondere für die Fußgänger auf den Gehwegen.“ Darüber hätte es Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern gegeben. Außerdem habe sich bei einigen Bäumen sehr viel Totholz gebildet.

Und weil die Verkehrssicherheit „höchste Priorität“ habe, müsse man unter Umständen auch im Schutzzeitraum Schnitt- und Fällmaßnahmen durchführen, so die Sprecherin weiter. Bisher seien sechs Birnen gefällt worden – bis Ende Mai sollen sechs Bäume nachgepflanzt werden.

Ob und wann die restlichen Birnen, wie in der Anwohner-Mail angekündigt, gefällt werden sollen, dazu äußerte sich das Amt auf Tagesspiegel-Nachfrage nicht.