Nachbarschaft

Veröffentlicht am 21.06.2018 von Christian Hönicke

Gabriela Ivan ist Kunstwissenschaftlerin aus Prenzlauer Berg. Sie erlebte die bewegte Wendezeit im Kollwitzkiez zwischen Kinos, Kids und Straßenkämpfen. Hier stellen wir ihre Geschichte vor, die sie im Erzählsalon „Mein schönstes Erlebnis im Kiez“ öffentlich machte. Dieses Veranstaltungsformat wurde von „Rohnstock Biografien“ entwickelt, einem Prenzlauer Berger Unternehmen, das sich ost- wie westdeutschen Biografien widmet:

Die Wende war für mich eine Zeit voller Freude darüber, dass sich endlich etwas ändern würde, aber auch voller Staunen, Irritationen und Ungewissheiten. Just im Oktober 1989 waren meine Tochter und ich aus einer Hinterhofwohnung im Helmholtzkiez in die wesentlich vornehmere Kollwitzstraße am Senefelderplatz gezogen. Wir brauchten eine Weile, um uns einzugewöhnen – neue Wege, neue Leute und ein Stadtbild mit herrlichem Weitblick, dessen Luftigkeit inzwischen dem LPG-Biomarkt-Haus weichen musste.

In meiner früheren Arbeitsstelle, dem Otto-Nagel-Haus in Mitte, arbeitete auch der alte Herr Wolf, ein Filmvorführer. Er kannte aus seiner Kindheit so gut wie alle kleinen Kinos, mit denen Prenzlauer Berg noch bis in die Nachkriegszeit regelrecht gepflastert war. Von ihm erfuhr ich, dass sich auch bei uns im Parterre eines befunden hatte. Es war in den Zwanzigern als „Eva Speier Kino“ eingeweiht worden und soll Platz für dreihundert Leute gehabt haben! Donnerwetter, so geräumig sah das von außen gar nicht aus. Aber die breite stumpfe Ecke war mir aufgefallen. Laut Herrn Wolf befand sich dort die Leinwand. Und der unerklärliche Absatz im Treppenhaus? Das war der Filmvorführerraum.

Später wechselten diese Lichtspiele mehrmals Besitzer und Namen: „Lichtblick“, „Kino Senefelder Platz“, und bis Anfang der 1950er schließlich „Union“. Über dem Kino richtete sich 1946 der erste staatliche Kindergarten in Prenzlauer Berg ein. Nach dem Kino-Aus bezog er zusätzlich die Kino-Etage. So fanden wir es 1989 vor. Ende der 1990er Jahre schloss der Bezirk den Kindergarten. Im oberen Trakt entstanden Wohnungen und im Parterre eröffnete nach einigen Jahren Leerstand ein spanisch-deutscher Elternverein seine Kita.

Was mich und meine Nachbarn in der Wendezeit lange beschäftigte, waren die Besitzverhältnisse. Schon im bezirklichen Bauamt hatte ich vor dem Einzug erfahren, dass die Immobilie Kollwitzstraße 16 ehemals jüdischer Besitz war. Bis alles neu geregelt wurde, gerieten wir Mieter im Wechsel in eine Not- bzw. Pflegschaftsverwaltung. Wir erfuhren: Der ehemalige Besitzer war vor den Nazis in die Schweiz emigriert, das Gebäude „arisiert“ worden. Die Nachkommen leben breit gestreut in den USA. So hat es bis Ende der neunziger Jahre gedauert, bis die Erben sich einigten, das Wohnhaus zu verkaufen.

Erworben wurde es durch einen Westberliner, der hier im Ostteil viel aufkaufte und den manch einer „Immobilienhai“ nannte. War er eine von den vielen Heuschrecken? Zugleich ging rundherum ein bis heute andauerndes Bauen los. Das wurde wirklich „effizient und gut strukturiert“ durchgezogen. Ein Beispiel: Wo heute der LPG-Trakt steht, grünte vorher eine Wiese mit prächtigen Kastanien. Ich weiß noch, wie die Kindergartenkinder protestiert haben, als die gefällt wurden: „Nicht abhauen, nicht abhauen!“.

In unserem Karree wuchsen plötzlich Zäune, die die neuen privaten Besitzverhältnisse markierten. Unser aller Trampelpfad rüber zur Prenzlauer verödete. Heute ist das Straßenkarree lückenlos gesäumt von Einzelneubauten und den opulenten Wohnanlagen „Kolle-Belle“ I und II, – Motto: „Vom enfant terrible bis zum Diplomaten – für jeden die passende Wohnung“. Den entstandenen Innenraum füllen mehrere Gartenhäuser, auch Stadtvillen genannt – ein großer „Hinterhof de luxe“ ohne wilde Ecken, mit barockem Gärtnergrün – so eng, dass man kaum noch Luft holen kann.

Sehr schnell fanden sich 1989 auch die ersten Hausbesetzer ein. Meine zehnjährige Tochter war fasziniert von ihnen und wollte unbedingt wissen, wer diese Leute waren, die da mit Schubkarren Schutt aus dem ersten besetzten Haus Prenzlauer Bergs, vorn an der Schönhauser, karrten. Einige schienen Linksautonome, andere Normalos zu sein, unterm Strich fanden wir sie sympathisch.

Es war eine wilde Zeit, man hatte immer etwas zu sehen. Randale am 1. Mai erlebten wir fünf, sechs Jahre lang. Da jagten die Polizisten die Autonomen. Die Autonomen schwärzten die Straßenschilder, damit sich die aus dem alten Bundesgebiet zur Verstärkung angereisten Polizisten nicht orientieren konnten. Am Himmel kreisten Helikopter.

Das war keineswegs lustig. Als die Demonstranten begannen, die Holzspielgeräte und Bänke auf dem Kollwitzplatz anzuzünden, war ich sprachlos und empört. Oder wenn sie Bauwagen als Barrikaden auf die Straße zerrten. Zum Teil waren das „Berufsrevoluzzer“. Die fuhren mit dem Auto vor, parkten bei uns vor dem Haus, zogen sich den schwarzen Overall aus dem Kofferraum über, vermummten sich ordentlich und los ging’s. Ich hatte geglaubt, dass das Menschen mit kapitalismuskritischen Absichten sind. Stattdessen wollten sie nur ein bisschen Krieg und Bürgerschreck spielen.

Nach der Wende hat sich in unserem Haus ein Mann umgebracht. Aufgehängt. Gerüchten zu Folge soll er Stasi-Offizier gewesen sein. Genaueres weiß man nicht. Die Frau hat noch eine Weile im Haus gelebt, irgendwann ist sie ausgezogen.

Und heute? Heute sind wir Alt- und Neumieter fifty-fifty Ost und West im Haus, mit kleinen und größeren Kindern. In die Dachgeschosswohnung zog für eine Weile eine WG, sehr international. Die sprachen nur Russisch und Englisch. Da herrschte ein Kommen und Gehen wie im Bienenkorb. Davon abgesehen wohnen wir hier alle in friedlich-freundlicher Koexistenz. Die Nachbarn sind Künstler, Filmleute, Musiker, Psychologen und andere. In die Kinoräume ist vor mehr als zehn Jahren der Spanisch-Deutsche Kindergarten eingezogen: „Treinta Lobitos“ – Dreißig kleine Wölfe. Sie beleben und beschallen mit Kinderlachen unseren Hof.

Foto: Rohnstock Biografien. Die vollständige Geschichte und mehr Alltagsgeschichte(n) finden Sie hier. Wenn Sie Ihre Lebensgeschichte ebenfalls aufschreiben lassen möchten, können Sie sich per Mail an info@rohnstock-biografien.de wenden.

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