Nachbarschaft

Veröffentlicht am 05.07.2018 von Christian Hönicke

Cornelia Reuter ist seit 2003 Pfarrerin in Buch. Sie schlägt einen Runden Tisch vor, um das Ortsgefühl zu stärken.

Frau Reuter, Buch hat eine Berg- und Talfahrt hinter sich. Wie geht es dem einst größten Klinikstandort Europas heute? Nach der Wende war die Zukunft ungewiss. Die Klinikareale wurden nach und nach leer gezogen. Die einst attraktiven Plattenbauwohnungen verloren an Wert und die Zahl der sozial Bedürftigen stieg an. Mit den sich verstetigenden Entwicklungen auf dem Wissenschaftscampus und der Entscheidung für den Klinikstandort durch Helios 2007 wurde eine positive Entwicklung für Buch eingeleitet. Die Neubauten wurden saniert, die Ludwig-Hoffmann-Bauten als Wohnviertel wiederbelebt. Heute haben wir eine spannende soziale Mischung: sogenannte Luxuswohner, Einfamilienhäusler, Senioren, Sozial Schwache, Geflüchtete. Der Anteil dieser Gruppen liegt gefühlt bei 10 bis 15 Prozent, also genau so viel, dass jede Gruppe Ihre eigene Aufmerksamkeit benötigt.

Vermischen sich diese Gruppen? Nicht so richtig, auch durch die räumliche Trennung der Quartiere, die sich wie Ufos um den Schlosspark herum gruppieren. Die eher eingesessene Bevölkerung bewohnt zu großen Teilen die Plattenbauten. Neue Bewohnerinnen und Bewohner finden eher in den Ludwig-Hoffmann-Arealen ein Zuhause. Nach meinem Empfinden findet der Ort nicht so richtig zusammen, trotz Bemühungen.

Woran liegt das? Die Begegnungsmöglichkeiten sind begrenzt. Jeder feiert seine eigenen Feste. Ein Zusammenrücken geschieht nur in Ansätzen, vielleicht am ehesten beim Weihnachtsmarkt auf dem Stadtgut. Buch fehlt ein zentraler, identitätsstiftender Ort.

Das soll doch das neue Begegnungs- und Integrationszentrums (BIZ) werden. Es gab die ernstzunehmende Idee, das BIZ in den Schlosspark zu setzen und in der Kubatur des Schlosses aufzubauen, da sich dort die Verbindungswege durch den Ort kreuzen und gleichzeitig die historische Mitte eingebunden ist. Nun wird das BIZ auf der nördlichen Spitze der Brunnengalerie Karower Chaussee/Wiltbergstraße errichtet. Das ist weniger zentral und ohne historische Wurzeln. Wir haben in den vergangenen Jahren die Schlosskirche im alten Dorfkern als einen zentralen Begegnungsort zur Verfügung gestellt und werden dies auch weiterhin tun, wohlwissend, dass für manche die Schwelle der Kirchentür zu hoch ist. Wir sind ein offenes Haus, bis zu 150 Veranstaltungen haben wir jährlich.

Vor welchen Herausforderungen steht Buch noch? Es gibt wie gesagt eine Dichte von Institutionen und von Hilfsbedürftigen. Wenn das dritte Wohnheim für Geflüchtete bezogen wird, ist jeder zehnte Bucher ein Geflüchteter. Das ist eine große Herausforderung. Von Bezirks- und Senatsseite ist das erkannt worden und nun wird die soziale Infrastruktur nachgeschoben. Gerade Bildungseinrichtungen sind ein ganz wichtiger Baustein in der Entwicklung von Buch. Um Menschen hier neu zu beheimaten, brauchen wir eine Vielfalt an Trägern in den Schulen und sozialen Einrichtungen. Es wäre auch schön, wenn Wohnen und Arbeiten wieder näher zusammenrücken. In Buch gibt es etwa 7000 Arbeitsplätze, und momentan reisen viele am Morgen mit der S-Bahn an. Und mir scheint, im Moment ist es noch nicht klar, wohin es mit dem Gesundheits- und Wissenschaftsstandort Buch geht. Adlershof ist ein ernstzunehmender Konkurrent, der ebenfalls die Aufmerksamkeit und die Zuwendungen auf sich zieht.

Was würde Buch helfen, um diese Herausforderungen zu bewältigen? Ich würde sagen: Wir brauchen einen Runden Tisch, eine Vernetzungsebene, die unabhängig von den Fachinteressen funktioniert. Es ist viel in Bewegung, aber es wird zu viel dem Zufall überlassen und zu wenig gestaltet. Der Bucher Bürgerverein kümmert sich kontinuierlich, er allein kann dies aber nicht leisten.

Wer soll an diesem Runden Tisch sitzen? Wir haben viele Akteure, aber jeder verfolgt seine eigene Agenda. Ein Konzern wie Helios etwa ist ganz klar überregional ausgerichtet. Es gibt unterschiedliche Ansprechpartner in der Politik für die verschiedenen Player, die Bundesebene, die Senatsebene und der Bezirk. Deswegen wird nur selten ein gemeinsames Interesse politisch platziert. Zu wenig arbeiten soziale Träger zum Beispiel mit den Bildungseinrichtungen und Forschungseinrichtungen zusammen. Das ist schade, denn der Ort hat Potenzial. Aber um das zu gestalten, braucht es erst einmal ein Ortsgefühl, das die Neuankömmlinge mitnimmt. Das ist derzeit zu dünn ausgebildet. Ein Runder Tisch für Buch wäre ein wichtiger Anfang.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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