Nachbarschaft

Veröffentlicht am 09.08.2018 von Robert Ide

Entschuldigen Sie, ist das er Sonderzug nach Pankow? Oft ist er gerade weg oder fällt aus. Bianca Boßdorf, 45, ist Aufsicht bei der S-Bahn und kennt die täglichen Verzögerungen im Betriebsablauf. Die letzten „Zurückblei’m!“-Ansager, etwa am Bahnhof Schönhauser Allee, sollen wohl bald verschwinden. Deshalb dürfen sie womöglich auch nicht öffentlich reden – „ohne Worte“, sagen sie nur, wenn man sie anspricht. Aber Boßdorf will und kann Auskunft geben. Sie ist Stammaufsicht am Bahnhof Gesundbrunnen, dem wichtigsten Umsteigepunkt im Berliner Norden.

Frau Boßdorf, wie viele S-Bahnen haben Sie heute schon abgefertigt? Ich fertige keine Züge mehr ab, das machen die Fahrer selbst – mit der Hilfe von Kameras an fast allen Stationen. Auch die Ansagen sind ja automatisch, nur bei Störungen und Bauarbeiten helfen wir aus. Seit 2007 sitzen wir hier auf dem Bahnsteig am Gesundbrunnen im Büro vor sieben Bildschirmen – drei für den Fahrplan, zwei für die Videos vom Bahnsteig, zwei mit Informationen aus der Zentrale. So kontrollieren und unterstützen wir den Ablauf. Ich mochte die Arbeit als Aufsicht auch sehr, den schnellen Kontakt mit den Fahrgästen. Aber dieser Zug ist abgefahren. Die letzten Aufsichten sollen ja im August und September verschwinden, habe ich gehört. Dann gibt es bald richtige Ansager wohl nur noch in Lichtenberg. Ansonsten sind wir aufsichtslos.

Bei der S-Bahn erscheint die Lage eher aussichtslos. Wir haben viele Probleme, weil Züge und Anlagen vernachlässigt oder nicht schnell genug erneuert worden sind. Wir Angestellten geben aber trotzdem unser Bestes. Und es sind ja nicht nur unsere Zugschäden und Signalstörungen, die den Betrieb aufhalten. Es sind auch oft genug Fahrgäste, die sich schließende Türen so lange aufhalten, bis die Tür gestört ist und der Zug ausgetauscht werden muss. Und es gibt viel Vandalismus, gerade an Wochenenden. Auch dadurch gehen viele Züge kaputt.

Sie sind seit 1995 bei der S-Bahn. Haben sich die Fahrgäste verändert? Der Ton ist aggressiver geworden. Wenn die nächste Ringbahn nicht in drei Minuten kommt, flippen die Leute aus. Mein Mann hat mal in Bayern bei der Bahn gearbeitet, da fuhren die Pendlerzüge nur alle Stunde und fielen auch mal aus. Trotzdem wurde nicht gleich rumgeschimpft. Klar, wir sind eine Großstadt, viele Menschen sind im Stress – ich verstehe die Nöte, ich fahre auch jeden Morgen mit der Bahn aus Potsdam zur Arbeit. Aber wir fertigen hier gerade auf vier Gleisen 15 Züge in 20 Minuten ab, mehr geht kaum. Die Touristen sind davon immerhin noch begeistert, manche Berliner sind vielleicht ein bisschen verwöhnt.

Aber es ist schon ärgerlich, wenn im Feierabend nahezu täglich der Anschlusszug auf dem Nachbargleis die Türen schließt, während der eigene Zug ankommt. Können Sie den betroffenen Pankowern mal dieses Gesundbrunnen-Umsteigemysterium erklären? Die Züge können nicht aufeinander warten, weil der Takt auf dem Ring schon jetzt eng ist – schließlich verkehren auf Teilen des Rings ja noch andere Linien zwischendurch. Und aus dem Nord-Süd-Tunnel kommen einfach zu viele Züge hintereinander, als dass man die dann mit den Ring-Verbindungen auf dem Gleis nebenan abstimmen könnte. Ich kann verstehen, dass sich viele darüber ärgern – auch darüber, dass die Züge in Stoßzeiten immer so voll sind. Eine Lösung wären nur mehr Wagen an einem Zug, aber noch haben wir leider nicht genügend. Das ist für uns Mitarbeiter eine Herausforderung. Aber wir nehmen sie an, damit es irgendwann wieder besser wird. Gucken Sie mal auf den Bildschirm, gerade haben wir in Plänterwald wieder einen Schadzug. Jetzt müssen wir die Leute da schnell einsammeln.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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