Nachbarschaft

Veröffentlicht am 23.08.2018 von Christian Hönicke

Olaf Forner dürften die meisten Anwohner in Prenzlauer Berg schon einmal gesehen haben. Seit mehr als zwei Jahrzehnten verkauft er abends in den Restaurants, Kneipen und Bars Zeitungen.

Der 51-jährige Ur-Berliner, gelernte Elektriker, Vater von zwei erwachsenen Kindern und Fan des 1. FC Union erlebte die Verbürgerlichung in Prenzlauer Berg hautnah. Seine Geschichte machte er im Erzählsalon „Mein schönstes Erlebnis im Kiez“ öffentlich. Dieses Veranstaltungsformat wurde von „Rohnstock Biografien“ entwickelt, einem Prenzlauer Berger Unternehmen, das sich ost- wie westdeutschen Biografien widmet:

Heute ist der Prenzlauer Berg sehr bürgerlich und familiär. Man hat sehr schnell das Bild der Kinderhochburg Berlins vor Augen: Spielplätze, Kindergärten und -wagen. Doch das war nicht immer so. Vor zwanzig Jahren war davon noch kaum etwas zu spüren.

Ich arbeite seit 1996 im Prenzlauer Berg. Ich verkaufe Zeitungen in Kneipen, Bars und Nachtclubs, in den Etablissements der Nacht. Deswegen kenne ich die Kieze – und die Veränderung, die hier seit der Wende stattgefunden hat. Als ich begann, gab es hier zwölf Lokale, in denen der käufliche Sex zu Hause war. Und zwar in all seinen Ausprägungen: Nachtclubs, Cafés und die einschlägigen Orte für hedonistischen Sex für den Mann. Da habe ich vieles erlebt.

Vor ein paar Jahren, auf meiner nächtlichen Runde durch die Lokale, saß ich in einem Nachtclub am Tresen. Es war ein kleiner Club, nur eine Bar und im Obergeschoss zwei Zimmer. Unten saßen die Frauen und warteten auf Kunden.

Da betrat eine Frau den Laden, im Schlepptau hatte sie ihren Freund. Ich erkannte sie sofort: Beide waren bekannte Schauspieler, sie schwanger. Man sah dem Freund genau an, dass ihm mulmig war. Die Schauspielerin dagegen ging ohne Zögern an den Tresen. Sie wolle vor der Geburt gerne noch mal was erleben. Deshalb hätte sie gern einen Dreier, ob das hier möglich sei. Bevor Sie fragen: Charlotte Roche hat zwar mal eine ähnliche Geschichte geschrieben, aber die war es nicht.

Bis auf wenige Ausnahmen sind diese Läden in Prenzlauer Berg verschwunden. Das liegt zum einen an den Gesetzen, die seit kurzem gelten und vorschreiben, dass sie bestimmte Abstände zu anderen Orten zu wahren haben. Das sind Schulen, Kindergärten oder Spielplätze. Zum anderen verschwinden solche schummrigen Orte im Prenzlauer Berg auch, weil er „familisiert“ ist. Über die Jahre hat sich hier eine Art serielle Monogamie etabliert. Das merke ich vor allem an Leuten, die ich täglich in den Restaurants sehe, bis sie für drei Jahre verschwinden, weil sie ein Kind bekommen haben. Die legen sozusagen eine gastronomische Mutterpause ein.

Das Rotlichtmilieu im Prenzlauer Berg ist im Vergleich zu anderen Berliner Stadtteilen jedenfalls so gut wie erledigt. Nur wer zur richtigen Zeit an die richtigen Orte geht, kann die letzten Überbleibsel einer heute versteckten Seite des Viertels noch erleben. Die Frage ist, wie lange noch. Das ist keine Verarmung, es ist eine Veränderung.

Das Paradoxe daran ist, dass die Touristen, die hierherströmen, genau dieses wilde Berlin suchen, das es kaum noch gibt. Gegenüber meiner Wohnung steht ein Haus. Dieses Haus galt lange als das letzte unsanierte, „echte“ Haus in meinem Viertel. Zumindest wurde es den Reisegruppen so verkauft. Ich sah jeden Tag die Fahrradgruppen: Ein Führer vorne weg, zwanzig Touristen wie die Gänsekinder hinterher. Der Führer stieg vom Fahrrad und referierte zehn Minuten über dieses Haus, das sö bröckelig und bunt war.

Nun wird auch dieses Haus saniert und ich denke an die armen Stadtführer: Wo bleiben die jetzt stehen?

Foto: Marlene Schneider. Die vollständige Geschichte und mehr Alltagsgeschichte(n) finden Sie hier. Wenn Sie Ihre Lebensgeschichte ebenfalls aufschreiben lassen möchten, können Sie sich per Mail an info@rohnstock-biografien.de wenden.

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