Nachbarschaft

Veröffentlicht am 30.08.2018 von Christian Hönicke

Die „Buchholzer Kelterei“, Berlins letzte Mosterei, kämpft um ihr Überleben. Besorgte Kunden meldeten sich, weil der Betrieb monatelang geschlossen war und zwischenzeitlich sogar Insolvenz anmelden musste. In der Triftstraße in Französisch Buchholz wird seit den 1930ern Obst und Gemüse vor allem aus Kleingärten der Region nach alter Hausmannsart zu Saft gepresst, seit 1962 ist die Kelterei in Familienbesitz. Wir sprachen mit der Geschäftsführerin Daniela Laue über die Situation.

Frau Laue, Ihre Firma war mitten in der Erntezeit für mehr als zwei Monate geschlossen. Warum? Das Pankower Lebensmittelamt hatte uns ab Mitte Juni die Produktionshalle gesperrt. Aber seit letzter Woche Dienstag produzieren wir wieder. Wir wurden schon mit mehr als 20 Tonnen Äpfeln überhäuft und haben Bestellungen ohne Ende. Wir kommen kaum hinterher.

Was hatte das Lebensmittelaufsichtsamt zu beanstanden? Unsere Produktionshalle. Wir sollten alles umbauen, die Fenster, die Maschinen, die Wände. Klar muss man Stück für Stück alles auf den neuesten Stand bringen, aber das alles auf einmal war nicht möglich. Wer soll das bezahlen? Wir sind ein Familienunternehmen und kein Großkonzern. Außerdem produzieren wir ja keine Schokolade oder andere offene Lebensmittel. Die Flasche kommt aus einer 80 Grad heißen Waschmaschine, der Saft kommt sofort rein, Deckel drauf. Und er wird ja regelmäßig getestet, er ist immer einwandfrei. Zumindest die Wirtschaftsförderung in Pankow hat inzwischen erkannt, dass wir einzigartig in Berlin sind, und unterstützt uns. Außer uns gibt es nur noch zwei kleinere Mostereien im Umland, das war‘s.

Was haben Sie während der Zwangsschließung gemacht? Ich musste Insolvenz anmelden, ich konnte die Mitarbeiter ja nicht bezahlen. Schon im letzten Jahr hatten wir einen Ernteausfall von 90 Prozent, da haben wir uns nur noch durchgeschleppt. Wir hatten 50 Saft- und Weinsorten, die mussten wir schon ganz schön zusammenschrumpfen. Das Amt hat uns dann den Rest gegeben. Ich hatte zehn Mitarbeiter, künftig sind es nur noch die Hälfte. Viele arbeiten schon fast ihr ganzes Leben hier. Ich muss nun fast alles allein machen – ich weiß gar nicht, wie ich den Hofverkauf stemmen soll. Glücklicherweise habe ich einen guten Insolvenzverwalter, der nicht abwickeln, sondern die Firma retten will.

Wie wollen Sie die Firma retten? Erstmal haben wir eine befristete Produktionserlaubnis bis Jahresende. Bis dahin müssen wir so viel Saft wie möglich abfüllen. Ab Januar wollen wir dann umbauen, nur der Hofladen bleibt offen. Es gibt auch schon Ideen. Das Gelände gehört uns ja als Familie, und das soll auch so bleiben. Darauf steht noch eine neuere Halle, wir könnten die Produktion dort hineinverlegen. Aber es ist schwer einzuschätzen, was uns auf zukommt, ob wir etwa neue Maschinen kaufen müssen. Die Riesen-Flaschenwaschmaschine kriegen wir zum Beispiel nur mit einem Kran umgesetzt. Und die Großkunden und Supermärkte müssen in der Umbauphase ja weiter beliefert werden. Sie haben schon nach der schlechten Ernte 2017 zu uns gehalten und nicht die öfter leerstehenden Regale an die großen Safthersteller abgegeben. Das hat und sehr geholfen, nur so konnten wir es bis zur Ernte 2018 schaffen.

Was lässt Sie durchhalten? Die gute Ernte und die treuen Kunden. Wenn die Ernte so wäre wie im letzten Jahr, hätte ich die Firma wohl leider schließen müssen. Aber derzeit steht von früh bis abends teilweise eine dreireihige Autoschlange mit Obst auf unserem Hof. Die Kunden halten zu uns, und ich hänge auch an ihnen, sie waren ja teilweise schon bei meinen Großeltern. Außerdem bin ich eine Kämpferin, ich gebe nicht einfach auf. Aber eins ist klar: Ich will nicht, dass irgendjemand anderes nur unter unserem Namen weiterproduziert. Da mache ich lieber dicht. Wo „Buchholzer“ draufsteht, muss auch Saft aus Buchholz drin sein.

Foto: promo.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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