Nachbarschaft

Veröffentlicht am 06.09.2018 von Christian Hönicke

Dieter Bonitz kämpft um Rosenthals Zukunft. Der Vorsitzende des Bürgervereins Dorf Rosenthal will mehr Mitbestimmung der Anwohner bei der Gestaltung ihres Lebensumfeldes ermöglichen. „Verkehrsplanungen vom Reißbrett“ wie in der Kastanienallee will er so künftig verhindern.

Herr Bonitz, seit wann leben Sie in Rosenthal? Ich bin 2008 aus beruflichen Gründen von Moers nach Berlin gezogen. In Rosenthal haben wir ein neues Zuhause gefunden. Ich mag den dörflichen Charakter mit seiner guten Verkehrsanbindung an die Großstadt. Das Dorf hat eine lange Geschichte und eine funktionierende Dorfgemeinschaft mit dem Bürgerverein. Der wurde 2002 in erster Linie für die Organisation des Rosenthaler Herbstes gegründet, kümmert sich aber auch um die Heimatgeschichte und die Pflege des Ortsbildes und die Infrastruktur.

Apropos Infrastruktur: Was sind die größten Baustellen in Rosenthal? Der LKW-Verkehr durch die Kastanienallee, die Schönhauser Straße und die Friedrich-Engels-Straße und die jahrelange Vernachlässigung des Straßenbaus. Noch immer fehlen an vielen Stellen Fußwege oder sie sind in einem erbärmlichen Zustand. Und wo die Straße gemacht wurde, hat man wie im ersten Bauabschnitt der Kastanienallee einen Autobahnzubringer mit Radstreifen gebaut. Diese Verkehrsplanung vom Reißbrett wollen wir nicht, die brauchen wir nicht. Sie bedroht das Stadtbild und die Lebensqualität des Ortsteils. Das gilt auch für Wilhelmsruh. Auch hier haben sich Bürgerinitiativen gegründet und der Arbeitskreis Verkehr Wilhelmsruh-Rosenthal, der ein schlüssiges Verkehrskonzept für den Berliner Norden fordert, um die Interessen von Wirtschaft und Anwohnern zu harmonisieren.

Welche Rolle spielt der Bürgerverein dabei? Bürgerinitiativen sind meist auf die Probleme unmittelbar vor ihrer Haustür fokussiert und entstehen spontan als Ausdruck bürgerschaftlichen Widerstands gegen behördliche Willkür. Dagegen versteht sich der Bürgerverein eher als Partner der staatlichen Institutionen. Er setzt sich für die Lebensqualität am Ort ein und versucht, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Darum haben wir auch gemeinsam mit dem Straßen- und Grünflächenamt im Januar 2018 eine Veranstaltung zur Bürgerbeteiligung Kastanienallee durchgeführt. Leider verlief die Veranstaltung nicht so, wie die verantwortlichen Politiker sich das gewünscht hatten.

Es gab viel Kritik. Ja, die Planung des Bezirksamtes erntete Unmut und Widerspruch, die Vorschläge der Bürgerinitiativen fanden Beifall. Wir haben den Anspruch, den Bürgerinnen und Bürgern eine Mitwirkungsmöglichkeit bei der Gestaltung ihres Lebensraumes zu geben. Es ist tragisch, dass die staatlichen Organe dafür noch nicht bereit sind. Wir hoffen auf ein Umdenken. Bezirksbürgermeister Sören Benn hat den Aufbau entsprechender Strukturen im Bezirksamt versprochen.

Was genau schwebt Ihnen vor? Ich möchte gemeinsam mit lokalen Organisationen eine Zukunftsperspektive für Rosenthal entwickeln, die wir zusammen mit dem Bezirksamt umsetzen können. Wir sind mit vielen im Gespräch, wichtig ist uns die evangelische Kirchengemeinde Rosenthal-Wilhelmsruh und der Bezirksverband der Gartenfreunde Pankow e.V., die zu unseren Mitgliedsorganisationen gehören. Aber auch die Garten- und Siedlergemeinschaft Einigkeit e.V. und die Unternehmen des Ortes gehören dazu. Sie alle beteiligen sich auch seit vielen Jahren am Rosenthaler Herbst.

Welche Bedeutung hat für Sie der Rosenthaler Herbst? Er ist der kulturelle Höhepunkt des Dorflebens. Dieses Jahr wird er zum 45. Mal veranstaltet. Von Freitagabend bis Sonntagabend feiert das ganze Dorf an mehreren Standorten (siehe Termine), Schirmherr ist Bürgermeister Benn, der zur Eröffnung kommt und auf der Honoratiorenkutsche sitzen wird. Mit dabei sind wieder die vielen Kleingärtner und Siedler, die in Rosenthal zuhause sind. Der Rosenthaler Kunstschmied Gösta Gablick will mit einer besonderen Überraschung beim Festumzug aufwarten.

Ist ein Erntedankfest heute noch zeitgemäß, wo es rund um Rosenthal doch immer großstädtischer wird? Auf jeden Fall. Gerade ein Erntedankfest erinnert uns daran, dass wir ein Teil der Natur und für unsere Umwelt verantwortlich sind. Hier erlebt sich das Dorf auf dem Anger als Dorf, es entsteht Gemeinschaft und Identität. Hier erkennt man auch, dass Äpfel und Birnen nicht im Supermarkt wachsen. Auch deshalb braucht Berlin die Kleingärten und die von Kleingärtnern und Kleinsiedlern bewirtschafteten Grünflächen. In Rosenthal haben viele Bewohner noch den Kontakt zur Natur und können die Verbindung zwischen Stadt und Land herstellen.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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