Nachbarschaft

Veröffentlicht am 13.09.2018 von Constanze Nauhaus

Ingrid Göttlicher, Konzeptkünstlerin

Ein halber Liter Acrylfarbe, fünf Wochen Arbeit – und herausgekommen ist dabei ein einzigartiges Zeugnis von Bezirksgeschichte. Göttlicher hat im Hinterhof der Schönhauser Allee 55 die Geschichte des Hauses mit Buchstabenschablonen auf die Brandschutzmauer geschrieben, am Montag wird das Fassadenbild feierlich eingeweiht (um 18 Uhr, Anmeldung unter service@david-borck.de).

Spannend ist die Historie des Hauses allemal, handelt es sich doch um das älteste noch erhaltene Wohnhaus Prenzlauer Bergs: Als die heutige Schönhauser Allee 1828 gepflastert wird, ist sie noch ein Landweg vor den Toren der Stadt, gesäumt von Ackerflächen. Auf Parzelle Nr. 55 errichtet sich der Steinmetzmeister Rudolph Müller 1858 zwischen Brauereien und Biergärten seinen Sommerwohnsitz (ja, genau da, wo heute die U2 am Fenster vorbeirattert!). Um die Jahrhundertwende kauft der jüdische Kaufmann Hermann Eitig das Haus, im Hof entstehen Fabrikgebäude – heute exklusive Klinkerbau-Lofts, Kaufpreis: siebenstellig. Die Erben Eitigs werden in der Nazizeit deportiert oder wandern aus, der Wäschefabrikbetreiber nimmt mit seiner arischen Abstammungserklärung sein Vorkaufsrecht wahr. In der DDR Volkseigentum, wurde das Haus im Jahr 2000 an eine jüdische Organisation rückübertragen.

All das – und noch mehr – ist nun an der Fassade im Hinterhof nachzulesen. Vor zehn Jahren schrieb Göttlicher schon einmal die gesamte Wand voll, doch: „Alles ist vergänglich“, weiß sie – ihr Kunstwerk fiel im vergangenen Jahr der Sanierung zum Opfer und verschwand unter Dämmplatten. Dass es nun in verkleinerter Form wieder da ist, freut Künstlerin, Anwohner und neuen Eigentümer – denn auf dessen Wunsch machte sich Göttlicher nun erneut an die Arbeit.

Mit dem Haus verbindet sie übrigens auch eine ganz eigene Geschichte: Mitte der 2000er durften sie und andere Künstler das Vorderhaus kostenlos als Ateliers nutzen – heutzutage leider nicht mehr vorstellbar.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de