Nachbarschaft

Veröffentlicht am 20.09.2018 von Christian Hönicke

Johann Lange ist 17 Jahre alt und lebt im Helmholtzkiez in Prenzlauer Berg. Dort sind die Mieten hoch und öffentlicher Raum ist knapp – vor allem für Jugendliche. Während es für kleine Kinder einige Spielplätze und für ältere Anwohner immerhin die „Herbstlaube“ in der Dunckerstraße gibt, sitzen sie buchstäblich auf der Straße. Sie treffen sich meist auf dem Star-Platz (siehe Foto), einer kleinen Baulücke mit ein paar Sitzbänken und drei Tischtennisplatten. Von dort aber werden sie regelmäßig von der Polizei vertrieben, weil die Anwohner sich gestört fühlen. „Wohin sollen wir denn sonst?“, fragt Johann.

Johann, wie ist die Lage für Jugendliche am Helmholtzplatz? Naja, sie könnte besser sein. Wir wünschen uns, dass es einen Ort für uns gibt, eine Art Jugendclub. Er muss gar nicht so eine besondere Ausstattung haben. Tischtennis, Billard, Kicker, das würde schon reichen.

Es gibt doch das „W24“ in der Wichertstraße. Ja, als ich zwischen 7 und 12 war, war ich auch immer da. Aber der Club richtet sich einfach an jüngere Kinder, das passt nicht mehr. Nach 19 Uhr und am Wochenende ist er sowieso geschlossen. Einen anderen Jugendclub in der Nähe gibt es nicht.

Wo trefft Ihr Euch dann? Meistens auf dem Star-Platz in der Stargarder Straße. Wir sind so 20 Leute von den umliegenden Schulen, Wilhelm von Humboldt, Käthe Kollwitz, Heinrich Schliemann. Fast alle von uns leben auch im Helmholtzkiez. In der Woche nach der Schule ist es da okay. Schwieriger wird es am Wochenende, wenn wir uns eher abends treffen wollen. In der Regel werden wir weggeschickt, weil es immer wieder Beschwerden über Lärmbelästigung gibt.

Was macht Ihr dort? Meistens sind wir einfach da, quatschen, spielen Tischtennis und hören ein bisschen Musik. Nichts Dramatisches. Aber um 22 Uhr ist da Schluss. Es gibt Nachbarn, die um Punkt 22 Uhr bei der Polizei anrufen. Dabei hat die prinzipiell Verständnis für uns. Die Polizisten haben uns schon gesagt, dass sie es blöd finden, wenn sie uns immer wegschicken. Aber sie müssen es eben tun.

Wo geht Ihr dann hin? Das ist so ein Katz-und-Maus-Spiel. Oft gehen wir danach zum Helmi, da sind wir dann eine halbe Stunde, dann werden wir auch da weggeschickt. Es gibt auch ein paar kleinere Spielplätze im Kiez, auf denen sind wir hin und wieder. Meist landen wir am Ende im Thälmannpark und sitzen hinter dem Planetarium. Da stören wir wenigstens keine Nachbarn, aber es gibt dort noch weniger Möglichkeiten als auf dem Star-Platz, zum Beispiel keine Tischtennisplatten.

Was macht Ihr bei schlechtem Wetter? Das ist richtig blöd. Wenn es nur kurz regnet, stellen wir uns in Hauseingängen unter, aber auch das nervt manche Nachbarn. Bei starkem Regen geht eigentlich jeder zu sich nach Hause, weil es keine Alternativen gibt. Gerade im Winter haben wir monatelang keinen Ort, an dem wir uns mal drinnen treffen können. Das ist schon belastend. Es gibt zwar ein paar Kneipen mit Kicker und Billard, aber bei uns sind auch nicht alle schon über 18, die kommen dort nicht rein. Außerdem kostet das ja auch Geld. Zuhause sind die Möglichkeiten auch begrenzt, die Eltern wollen logischerweise nicht ständig 20 Leute in der Wohnung haben.

Was wünscht Ihr Euch? Einfach einen Ort, an dem wir uns auch abends, bei schlechtem Wetter oder im Winter treffen können. Ich war mal in Neubrandenburg, da gab es ein alternatives Jugendzentrum mit Kicker und Billard, und man konnte auch noch nach 22 Uhr dort sein. Davon können wir momentan nur träumen. Ein Vater hat letztens ernsthaft überlegt, eine Wohnung für uns zu besorgen, damit wir daraus unseren eigenen Jugendclub machen können.

Foto: privat

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de